17.07.20 – Teil 2: Es braucht Strukturen — read English version

The Future of Fashion: Forschung und Entwicklung in der Mode

„Seit 20 Jahren versuchen wir Probleme zu überwinden. Design, Kommunikation und Distribution müssen zusammen gedacht werden.“ Joachim Schirrmacher

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Claire Greidanus – Model: Clair e Greidanus; Coat by Claire Greidanus, Scarf by Hannes R oether; Location: Eiffel Tower, Paris. © Jakob Tillmann, Award Winner FASH 2019

 
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Claire Greidanus – Model: Clair e Greidanus; Coat by Claire Greidanus, Scarf by Hannes Roether; Location: Eiffel Tower, Paris. © Jakob Tillmann, Award Winner FASH 2019

 
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Wie sieht die Mode der Zukunft aus?

Das fragt das einflussreiche Magazine Textile View in elf Ländern von Japan über Frankreich bis USA. Für den deutschen Blick auf die Modebranche konnten wir mit Joachim Schirrmacher, einem wahren Kenner der deutschen und internationalen Mode-Szene, gewinnen. Die Fragen für textile network stellte Chefredakteurin Iris Schlomski.

Teil 2: Es braucht Strukturen

textile network: Wie sieht die Mode der Zukunft aus?

Joachim Schirrmacher: Wenn wir die Zukunft der Mode gestalten wollen, müssen wir über Strukturen und nicht über die neuste It-Bag sprechen. Seit 20 Jahren versuchen wir Probleme zu überwinden wie vergleichbare Sortimente, Überproduktion, Rabattschlachten oder immer schnellere Rhythmen mit den viel zu vielen Fashionweeks. Mode ist keine Kultur mehr, Mode ist nur noch ein Geschäft, das von einigen wenigen Konzernen dominiert wird.

Dazu sind in den letzten Wochen ja viele offene Briefe erschienen von Armani, Dries van Noten, dem British Fashion Council (BFC) und dem Council of Fashion Designers of America (CFDA) oder Business of Fashion. Das ist alles zu begrüßen, aber es sind keine neuen Forderungen. Schon im letzten Jahrhundert initiierte Manfred Kronen von der Igedo Düsseldorf ein Four-Season-Modell. Seitdem Helmut Lang seine Show im Herbst 1998 online präsentierte, diskutieren wir den Sinn von Modenschauen. Raf Simons löste vor fünf Jahren bei seinem Weggang von Dior die Diskussion über die immer schnellere Geschwindigkeit aus.

Vermutlich sind mit dem wiederaufblühenden Geschäft – mal wieder – alle Vorsätze schnell vergessen. Solange Investoren kurzfristige Renditen erwarten, ist zu befürchten, dass alle Diskussionen um System-Alternativen Sonntagsreden bleiben. Wie schwierig der Wandel ist, zeigt ja auch die Mobilitätswende. Systeme tun alles um sich selbst zu erhalten.

textile network: Was braucht es, damit es kein Wunschdenken bleibt?

Joachim Schirrmacher: Wir brauchen dringend Ressourcen für Forschung und Entwicklung. Doch die fehlen in der Mode weitgehend. Wir müssen viel stärker in Alternativen und in Utopien denken. Es braucht Ideen weit über die Mode hinaus, wir müssen auch die Systemfrage stellen: Wie kann eine neue Art des Wirtschaftens aussehen, z. B. mit einem Gemeinwohlprodukt statt dem bisherigen Bruttoinlandsprodukt? Wertschöpfung statt Geldvermehrung als Maßstab. Bei unseren FASH-Workshops sage ich den Studierenden: Die Köpfe im Himmel, die Füße auf dem Boden.

textile network: Deutschland steht mit 16 Instituten für Textilforschung weltweit an der Spitze. In die Hochschule Mönchengladbach werden 85 Mio. Euro investiert, u. a. in eine Textilakademie, Reutlingen will 2022 das Texoversum eröffnen. Das sind doch enorme Ressourcen?

Joachim Schirrmacher: Sicher, doch wird dort überwiegend technologisch gedacht und geforscht. Es geht vor allem um die Branchen Automobil, Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Bau oder um Nachhaltigkeit. Es gibt dort wenig bis kein Verständnis für Mode. Design ist in Deutschland nicht im Innovationssystem verankert.

Die Mode beschränkt sich fast immer nur auf die nächste Kollektion. Nur ein Beispiel: Das Problem der Überproduktion ist ja relativ neu, ebenso Online-Shops und Social-Media. Viele unser Preisträger beim FASH sagen: „Der Kunde darf nicht so konsumieren.“ Ich glaube, damit kommen wir nicht weiter. Wir müssen tiefenpsychologisch die Sucht nach dem Neuen verstehen.

textile network: Wir müssen Textil und Mode also ganz neu denken. Aber wie?

Joachim Schirrmacher: Deutschland hat alles, was es für die Mode des 21. Jahrhunderts braucht: sehr gut ausgebildete Designer und Ingenieure, weltweit führende Textilmaschinen-Hersteller, herausragende Logistik oder ausgezeichnete IT-Experten, Kaufleute und Fotografen. Doch damit der Sprung an die Weltspitze gelingt, braucht es die Integration von Design, Ingenieuren, Kaufleuten, Kommunikation und Distribution.

Prof. Dr. Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft sagte mir, dass durch die Zusammenarbeit von Designern, Entwicklern und Produzenten mit wenig Aufwand ein ungenutztes Potential gehoben werden kann, was sondergleichen ist. Alle müssen eine gemeinsame Sprache finden und zu völlig neuen Arbeitsweisen kommen; was nicht ohne Schnittstellenmanagement und Vermittler möglich sein wird.

Wie groß dieses Potential ist zeigt zum Beispiel das iPhone. Als es 2007 auf den Markt kam, waren die einzelnen Techniken alle bekannt, sie wurden allerdings neu verknüpft sowie in einem guten Design präsentiert – und das hat die Welt revolutioniert!

textile network: Welche innovativen Themen stehen in der Mode jetzt an?

Joachim Schirrmacher: Bei Fairer Mode sollten wir beispielsweise weit über Upcycling oder Sharing Economy hinaus denken. Denken wir im Textilbereich etwa an Econyl, also recyceltes Nylon, oder neue Formen von Viskose aus Finnland. Großes Potential hat partizipatorisches Design mit offenen Gestaltungssystemen.

Aber vor allem geht es um die soziale Dimension von Design:

* Produkte, die helfen eine eigene Wertschöpfung für die asiatischen oder afrikanischen Länder zu schaffen.

* Produkte, die sie auch selber nutzen und verkaufen.

Design ist dann nicht mehr nur ein „sophisticated“ Teil der Luxusgüterindustrie, sondern trägt zu einem erfüllenden Leben bei. Stattdessen aber haben in der Krise Konzerne bestehende Verträge in den Produktionsländern storniert. Wir brauchen viel mehr Initiativen, wie zum Beispiel die des Familienunternehmens Engelbert Strauss, die unter dem Titel „Proudly Made in Bangladesh“ in Chittagong eine eigene Akademie und Fabrik mit fairen Bedingungen bauen.

Das größte Potential liegt in der Digitalisierung der Prozesse. Etwa der 3D-Strick von Stoll, wie er bereits sehr erfolgreich von Falke Sport oder Marc Cain eingesetzt wird, bis hin zu der weitgehend automatisierten Produktion von Adidas Speedfactory. Überall auf der Welt sollten sie als lokale Minifabriken für den lokalen Markt aufgebaut werden. Ein Fertigungskonzept, wie gemacht für die neue Philosophie der Mode: Deglobalisierung sowie „See now, buy now“. All das könnte weitere Innovationen auslösen, denn neue Technologien und Materialien haben zumeist neue Entwürfe zur Folge. Coco Chanel revolutionierte mit dem damals neuen Jersey die Mode.

textile network: Für die Speedfactory verkündete Adidas CEO Kasper Rørsted ja nach nur zwei Jahren das Aus für die Pilotfabriken in Ansbach und Atlanta.

Joachim Schirrmacher: Rørsted ist bekannt für Profitmaximierung. Dabei wurde die Speedfactory mit zig Millionen an Steuergeldern unterstützt – ohne dass es je wirklich aussagefähige Berichte oder Bilder für die Öffentlichkeit gab, zumindest sind mir und Kollegen und Kolleginnen keine bekannt. Das ist fatal. Ebenso bei Windsor. Sie stellten ja 2004 nach sechs Jahren Forschung und Entwicklung die revolutionäre industrielle Maßkonfektion vor. Ebenfalls mit Hilfe von Steuermitteln finanziert. Auch dieses Projekt wurde nach kurzer Zeit eingestellt und das Know-how wanderte nach Asien. Warum werden solche bahnbrechenden Zukunftsfelder nicht im eignen Land stärker vorangetrieben? Hier droht uns Deutschen Ähnliches wie einst mit dem ersten funktionsfähigen Computer der Geschichte von Konrad Zuse.

textile network: Was ist mit den Modeschulen in Deutschland?

Joachim Schirrmacher: Wir haben in Deutschland über 40 gute Modeschulen bei stark sinkenden Bewerberzahlen. Hier brauchen wir dringend eine Reform – viel weniger Schulen, aber diese dann mit einem wesentlich höheren Ausbildungsangebot und mit Forschungsqualität – also mit je zehn bis 20 Professoren und einem Maschinenpark „state of the art“. Aber keiner will an dieses Thema ran. Wir haben es oft versucht: Jedes Ministerium sagt, die anderen wären zuständig. Im Bundesbildungsministerium gibt es noch nicht mal einen Ansprechpartner. Einige Professoren haben zwar angefangen, ihre Inhalte zu hinterfragen, aber natürlich nicht ihre Schule selber. Denn auch hier will jeder sein eigenes System erhalten.

1. Teil Der Markt: Luxus, Street- & Sportswear. Hier Online lesen

3. Teil Faire Mode: Wie kann eine andere Wertigkeit von Mode erreichen? Hier Online lesen 

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