21.10.25 – Outlast Technologies — read English version

Teil 2: Experteninterview mit Martin Bentz

Outlast Technologies ist der Spezialist für Temperaturmanagement in Textilien. Hier kommt die Fortsetzung unseres Interviews mit CEO Martin Bentz.

Outlast-Aersulate--technology-Copyright-Outlast-Technologies-GmbH.jpg

„Aersulate ist eine leistungsstarke Isolationstechnologie auf Basis von Aerogel. Aerogel ist wegen seines hohen Luftanteils von 98% für seine extrem niedrige Wärmeleitfähigkeit bekannt. Die große Herausforderung bestand darin, diese Eigenschaft in flexible, textile Strukturen zu übertragen, die in realen Anwendungen funktionieren.“ © Outlast Technologies GmbH

 
Outlast-Aerogel-Copyright-Outlast-Technologies-GmbH.jpg

Aerogel wurde ursprünglich für Anwendungen in der Luft- und Raumfahrt entwickelt. Aufgrund seines extrem hohen Luftanteils und seiner porösen Struktur bietet es hervorragende Isolierungseigenschaften. Mit Aersulate® wird dieses Hochleistungsmaterial in skalierbarer Form für textile und technische Anwendungen nutzbar. © Outlast Technologies GmbH

 

...warum thermischer Komfort in militärischer Ausrüstung und Schutzbekleidung von Anfang an mitgedacht werden sollte, lesen Sie im ersten Teil des Interviews.

Neben Outlast Temperatur Regulierung steht auch Aersulate im Fokus. Was macht diese Technologie für Schutz- und Einsatzbekleidung interessant?

Aersulate ist eine leistungsstarke Isolationstechnologie auf Basis von Aerogel. Aerogel ist wegen seines hohen Luftanteils von 98% für seine extrem niedrige Wärmeleitfähigkeit bekannt. Die große Herausforderung bestand darin, diese Eigenschaft in flexible, textile Strukturen zu übertragen, die in realen Anwendungen funktionieren.

Warum ist eine dünne Isolation in diesem Bereich so entscheidend?

Mit Aersulate ist das gelungen und so lassen sich sehr dünne und zugleich leistungsfähige Isolationslösungen realisieren. Für militärische und schützende Anwendungen ist das besonders wichtig, weil Volumen, Gewicht und Bewegungsfreiheit zentrale Faktoren sind. Wenn eine Jacke, ein Handschuh oder jedwede Schutzausrüstung schlanker aufgebaut werden kann und dennoch eine hohe Isolationsleistung bietet, entstehen neue Möglichkeiten in Entwicklung und Design. Gleichzeitig lässt sich Aersulate in unterschiedliche textile Konstruktionen integrieren. Je nach Trägermaterial und Aufbau sind auch multifunktionale Lösungen möglich, etwa in Kombination mit schützenden oder flammhemmenden Eigenschaften.

In militärischer Bekleidung ist jedes zusätzliche Volumen relevant. Dicke Isolationslagen können die Beweglichkeit einschränken, das Packmaß erhöhen und das Zusammenspiel mit weiterer Ausrüstung erschweren. Hinzu kommt die Frage der Leistungsfähigkeit unter Druck: In der Praxis wird Isolation häufig komprimiert, etwa unter Rucksackträgern, an Ellbogen und Knien oder im Sitzbereich. Viele herkömmliche Isolationsmaterialien verlieren dadurch deutlich an Wirkung. Aersulate eröffnet hier Möglichkeiten für textile Konstruktionen, die auch unter Druck eine nahezu uneingeschränkte hohe thermische Leistung bieten.

Welche Rolle spielen messbare Werte wie RCT?

In technischen Textilien muss Leistung nachvollziehbar sein. RCT-Werte, also der Wärmedurchgangswiderstand, zeigen, wie gut ein Material den Wärmefluss reduziert. Sie sind ein wichtiger Kennwert, um Isolationsleistung objektiv zu bewerten. Mit Aersulate lassen sich hohe thermische Leistungen in sehr dünnen Konstruktionen erzielen. Je nach Artikel erreichen Aersulate Fabrics bereits bei einer Dicke von nur 1,1 mm RCT-Werte von 0,08. Gleichzeitig sind Wärmeleitfähigkeitswerte bis zu 0,028 W/mK möglich.

Auch unter Druck zeigt Aersulate seine Stärke. In einem Test mit einer 100 °C heißen Heizplatte und einem 5-kg-Gewicht auf dem Material erreichte das Aersulate Filz nach zwölf Minuten nur etwa 60 °C. Ein identischer Filz ohne Aersulate lag unter denselben Bedingungen bei rund 75 °C. Gerade in militärischen Anwendungen oder bei Schutzausrüstung reichen ein guter erster Eindruck nicht aus. Materialien müssen ihre Leistung unter realen, anspruchsvollen Bedingungen zeigen und belegen.

Was wird beim Thema thermischer Komfort in Schutzbekleidung häufig unterschätzt?

Schutztextilien müssen häufig mehrere Anforderungen gleichzeitig erfüllen. Thermischer Komfort allein reicht nicht aus. Je nach Einsatzbereich sind auch Strapazierfähigkeit, Flammhemmung, Abriebfestigkeit, Atmungsaktivität, geringes Volumen und die Kompatibilität mit weiterer Ausrüstung entscheidend. Aersulate ist nicht nur ein Isolationsmaterial, sondern kann Teil eines umfassenden Konstruktionskonzepts sein. In Kombination mit geeigneten Trägermaterialien lassen sich Textilien entwickeln, die Isolation mit weiteren funktionalen oder schützenden Eigenschaften verbinden. Die Zukunft militärischer Textilien liegt nicht in einer einzelnen Funktion. Sie liegt in intelligent aufgebauten Systemen, die mehrere Anforderungen gleichzeitig erfüllen.

Komfort wird noch immer oft als etwas Zusätzliches verstanden – als angenehmer Nebeneffekt, wenn Schutz, Haltbarkeit und Normen erfüllt sind. In anspruchsvollen Anwendungen ist diese Sichtweise zu kurz gedacht. Wenn eine Person überhitzt, stark schwitzt oder in Phasen geringer Aktivität auskühlt, entsteht zusätzliche Belastung. Der Körper muss mehr Energie aufwenden, um sein thermisches Gleichgewicht zu halten. Über längere Zeit kann das Ausdauer, Konzentrationsfähigkeit und Leistungsfähigkeit beeinflussen. Thermischer Komfort ist deshalb kein Luxus. Er ist Teil funktionaler Performance.

Welche Botschaft möchten Sie Entwicklern militärischer Ausrüstung und technischer Textilien mitgeben?

Thermischer Komfort sollte nicht erst am Ende der Produktentwicklung berücksichtigt werden. Er gehört von Beginn an in das Anforderungsprofil eines Bekleidungs- oder Textilsystems. Ein Produkt kann alle formalen Anforderungen erfüllen und in der Praxis dennoch an Grenzen stoßen, wenn das Mikroklima am Körper nicht ausreichend berücksichtigt wird. Gerade in militärischen und schützenden Anwendungen, in denen Ausrüstung lange getragen wird und der Körper hohen Belastungen ausgesetzt ist, kann dieser Faktor entscheidend sein.

Unser Ansatz ist klar: Fortschrittliches thermisches Management kann dazu beitragen, bessere Bedingungen für den Träger zu schaffen. Weniger thermische Belastung, höherer Komfort und mehr konstruktive Freiheit sind keine gegensätzlichen Ziele. Sie lassen sich in intelligent entwickelten textilen Systemen wirkungsvoll miteinander verbinden.