14.09.26 – Interview mit Anja Merker — read English version
Vorbereitet auf den Digitalen Produktpass
Die Geschäftsführerin des Mittelstand-Digital Zentrums Smarte Kreisläufe, Anja Merker, erklärt im Interview, warum strukturierte Unternehmensdaten der Schlüssel für den erfolgreichen KI-Einsatz sind, welche Risiken Schatten-KI birgt und wie sich Betriebe gleichzeitig auf den Digitalen Produktpass vorbereiten können.
Frau Merker, viele Unternehmen experimentieren bereits mit KI-Tools. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen beim Übergang vom Ausprobieren zum produktiven Einsatz?
Anja Merker: Häufig fehlen klare Prozesse und Verantwortlichkeiten. In unseren Projekten stellen wir fest, dass viele Unternehmen über wertvolle Daten verfügen, die jedoch in verschiedenen Systemen verteilt oder nicht ausreichend strukturiert sind. Damit KI jedoch zuverlässige Ergebnisse liefert, braucht sie eine strukturierte und qualitativ hochwertige Datenbasis. Erst dann kann Künstliche Intelligenz Unternehmen dort unterstützen, wo große Datenmengen verarbeitet und wiederkehrende Aufgaben erledigt werden müssen. Hinzu kommt, dass KI häufig ohne abgestimmte Regeln genutzt wird. Wenn Beschäftigte unterschiedliche Tools einsetzen, ohne dass Datenschutz, Datensicherheit oder rechtliche Rahmenbedingungen ausreichend berücksichtigt werden, kann es auch zu Schatten-KI kommen.
Was bedeutet das konkret und welche Risiken entstehen dadurch?
Anja Merker: Schatten-KI beschreibt den Einsatz von KI-Anwendungen außerhalb der offiziell freigegebenen Unternehmenslösungen. Mitarbeitende möchten ihre Arbeit effizienter erledigen und greifen deshalb auf frei verfügbare Werkzeuge zurück. Das ist nachvollziehbar, kann aber Risiken mit sich bringen. Werden beispielsweise vertrauliche Unternehmensdaten oder personenbezogene Informationen in öffentliche KI-Systeme eingegeben, können Datenschutz- oder Compliance-Vorgaben verletzt werden. Unternehmen sollten deshalb nicht allein auf Verbote setzen. Viel wichtiger sind klare Leitlinien, geeignete freigegebene Werkzeuge sowie Schulungen, damit Beschäftigte Chancen und Risiken richtig einschätzen können. So entsteht eine verantwortungsvolle und sichere Nutzung von KI.
Für die Textilbranche gewinnt außerdem der Digitale Produktpass an Bedeutung. Welche Rolle spielen Datenstrukturen dabei?
Anja Merker: Der Digitale Produktpass macht deutlich, wie wichtig eine konsistente Datenbasis künftig sein wird. Unternehmen müssen Informationen zu Materialien, Lieferketten, Produktionsprozessen oder Umweltkennzahlen strukturiert erfassen und zwischen unterschiedlichen Systemen austauschen können. Genau diese Daten bilden gleichzeitig die Grundlage für viele KI-Anwendungen. Wer heute seine Datenqualität verbessert, Schnittstellen schafft und Informationen intelligent vernetzt, bereitet sich nicht nur auf den Digitalen Produktpass vor, sondern schafft auch die Voraussetzungen für den erfolgreichen Einsatz von KI. Daten werden damit zu einem echten Wettbewerbsfaktor.
Wie unterstützt das Mittelstand-Digital Zentrum Smarte Kreisläufe Unternehmen auf diesem Weg?
Anja Merker: Gemeinsam mit den Unternehmen analysieren wir bestehende Prozesse. Sind geeignete Anwendungsfälle identifiziert, unterstützen wir mit individuellen Digitalisierungsfahrplänen oder begleiten bei ersten Umsetzungsschritten. Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Technologien einzusetzen, sondern die passende Lösung für die jeweilige Herausforderung zu finden. Wir haben in den vergangenen Monaten in verschiedenen Projekten zahlreiche Demonstratoren erarbeitet. Nicht nur diese Demonstratoren auch unsere Anwendungsprojekte sind online für alle einsehbar. Unternehmen können so neue Technologien ohne großes Risiko kennenlernen und fundierte Entscheidungen für die eigene Digitalisierung treffen.
Welche Empfehlungen geben Sie Unternehmen, die jetzt den nächsten Schritt gehen möchten?
Anja Merker: Mein Rat lautet: Nicht auf die perfekte Ausgangslage warten, sondern beginnen. Nicht mit der großen KI-Strategie, sondern mit einem konkreten Zeitfresser. In der Produktion können es einzelne Schritte sein, etwa bei der automatisierten Qualitätskontrolle oder Angebotserstellung. Zum Einstieg eignet sich so ein überschaubarer Anwendungsfall, weil schnell sichtbar wird, ob tatsächlich Zeit gespart, Qualität verbessert oder Arbeit erleichtert wird. Ist ein erlaubtes Tool festgelegt und einfache Regeln besonders zum Prüfen und Veröffentlichen von Daten formuliert, braucht es auch eine Ansprechperson, die nicht nur für das Projekt verantwortlich ist, sondern auch die gemachten Erfahrungen im Team teilt. Bis zum Jahresende unterstützen wir Unternehmen noch mit Informationsveranstaltungen zu diesem Thema, dann endet die Arbeit unseres Zentrums erst einmal.
Welche Highlights gibt es bis dahin noch für Unternehmen?
Anja Merker: Wir starten aktuell eine Webinar-Reihe, mit der Unternehmen mehr dazu erfahren, wie sie ihre Unternehmensdaten für KI strukturieren, vernetzen und intelligent nutzen. In fünf einstündigen Online-Veranstaltungen geben wir nicht nur einen Überblick über aktuelle Entwicklungen beim Digitalen Produktpass oder sinnvolle Konzepte zu Daten-Architekturen. Jeder Termin bietet außerdem Einblicke in praktische Beispiele und stellt konkrete Handlungsmöglichkeiten vor, um sich als Unternehmen gezielt mit seiner Dateninfrastruktur zu befassen und sichere Datenräume aufzubauen. Zudem geben die Online-Seminare ausreichend Zeit zum aktiven Austausch zwischen Teilnehmenden und Referenten. Insbesondere Fach- und Führungskräfte aus den Bereichen Nachhaltigkeit, Produktmanagement, Marketing, Vertrieb und IT der Textil- und Bekleidungsbranche sind herzlich eingeladen, daran teilzunehmen.



