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11.10.15 – Eulerhermes — read English version

Eine „T+B“ - Bestandsaufnahme

Deutschland ist der viertgrößte Textilexporteur der Welt und weltgrößte Exporteur technischer Textilien mit Exporten im Wert von schätzungsweise 7,1 Mrd. EUR im Jahr 2015.

Bekleidungsmarken müssen sich auf einen Vertrieb über verschiedene Absatzkanäle einlassen, um die richtige Mischung zu finden Photos: Euler Hermes

Bekleidungsmarken müssen sich auf einen Vertrieb über verschiedene Absatzkanäle einlassen, um die richtige Mischung zu finden Photos: Euler Hermes

 
Deutschland ist der viertgrößte Textilexporteur der Welt und weltgrößte Exporteur technischer Textilien mit Exporten im Wert von schätzungswei...

Deutschland ist der viertgrößte Textilexporteur der Welt und weltgrößte Exporteur technischer Textilien mit Exporten im Wert von schätzungsweise 7,1 Mrd. EUR im Jahr 2015. Kaum zu glauben, aber wahr

 

Textil und Bekleidung ("T&B") umfasst zwei Segmente: Textilien (von der Spinnfaser bis zum Stoff) und Bekleidung (vom Schnittmuster über das Nähen bis hin zum Einzelhandel für tragfertige Bekleidung). Die bekanntesten Importpartner sind China, Italien und die Niederlande: China aufgrund der billigen, schnellen Produktion und Italien und die Niederlande wegen ihrer Qualitäts- und Luxusprodukte. Die deutschen Exporte hingegen sind überwiegend für Nachbarländer (Niederlande, Schweiz und Polen) bestimmt.

Die Unterschiede zwischen den Handelsbilanzen für Textilien und Bekleidung entstanden im Rahmen der Globalisierung in den 1980er und 1990er Jahren und beschleunigten sich in den 2000er Jahren nach dem Boom der chinesischen Wirtschaft. Die deutsche Textil- und Bekleidungsbranche hatte im Zuge dessen Schwierigkeiten, ihre Geschäftsmodelle anzupassen.

Das Auslaufen des Multifaserabkommens im Jahr 2005 verstärkte die Probleme weiter. Zwischen 2005 und 2011 schnellten die Importe an T&B-Produkten aus China auf +126% in die Höhe, Importe von Garngewebe stiegen sogar um +167%. 2012 gingen die Importe zurück, was jedoch als Anomalie zu betrachten und auf den plötzlichen Verfall der BIP-Wachstumsraten Chinas (-1,6 Prozentpunkte) und Deutschlands (-2,6 Prozentpunkte auf 0,7%) zurückzuführen ist.

Während die globale Produktion des Verarbeitenden Gewerbes zwischen 2005 und 2013 um 10% zunahm und somit das BIP-Wachstum während desselben Zeitraums widerspiegelte, ging die Stoffproduktion um 20% zurück und die Produktion von Bekleidung sogar um die Hälfte. Der unerbittliche Wettbewerb mit China zwang die deutschen Hersteller, sich in hochqualitativeren Segmenten zu positionieren. Im Vergleich zum Bekleidungssektor hielt sich der Schaden bei den Textilien in Grenzen, da die Hersteller auf Produkte mit Mehrwert setzten.

Die Struktur der Herstellungskosten und der Wettbewerb mit Asien brachten die Hersteller dazu, ihre langfristige Strategie und Positionierung zu überdenken, wie dies auch schon die deutsche Industriepolitik hatte tun müssen. Die Bemühungen der Hersteller konzentrierten sich auf zwei Ziele: Energieeffizienz und Steigerung der Produktionsleistung.

Neben den Energiekosten sind die Rohstoffe ein wichtiger Kostentreiber. Die Volatilität der Preise von Baumwolle und Kunstfasern ist so unterschiedlich, dass es nicht erstaunlich ist, dass die Hersteller auf synthetische (Kunst-) Fasern umstellen. Da sich auch die asiatischen Länder in diesem Segment positionieren und wesentlich niedrigere Preise bieten können, haben sich die deutschen Hersteller auf technische Textilien spezialisiert. So ging die Produktion von Webtextilien von 2003 bis 2013 um -49% zurück, während Verbundtextilien und technische Textilien während desselben Zeitraums 30% zulegten. Intelligente und technische Textilien machen jetzt 50% der Einnahmen der Textilbranche aus und 40% der T&B-Produktion.

Die Hersteller konzentrieren sich vor allem auf Anwendungen in der Automobilbranche, aber die Endmärkte sind so vielfältig wie die Innovationsmöglichkeiten. Die deutsche Textilindustrie konnte ihr Geschäftsmodell erfolgreich erneuern, während sich das Segment Bekleidung Schwierigkeiten gegenüber sieht, seine Organisation und sein Angebot dem sich ständig verändernden Konsumverhalten anzupassen.

Die Einnahmen der Einzelhandelsunternehmen stiegen zwischen 2008 und 2012 um 26% an, insbesondere im Online-Handel und beim Katalogverkauf (+55% während des Zeitraums). Die Zahl der Unternehmen hat sich dabei seit 2008 verdoppelt und die Anzahl der Beschäftigten ist um 22% gestiegen, um den neuen Konsumgewohnheiten Rechnung zu tragen. Die Bekleidungsmarken müssen sich auf einen Vertrieb über verschiedene Absatzkanäle einlassen, um die richtige Mischung zu finden.

In Deutschland, in dem 85% der 81 Millionen Einwohnern über einen Internetzugang verfügen, ist das Potenzial für den Online-Handel groß. Heute macht dieser Vertriebskanal 9% des gesamten Einzelhandels aus. Es wird aber davon ausgegangen, dass der digitale Vertriebsweg in Deutschland zwischen 2012 und 2017 noch um weitere 50% wachsen wird. Das Segment Bekleidung und Schuhe konnte die größte Wachstumsrate seit 2011 verzeichnen.

Der traditionelle Einzelhandel bekommt also Konkurrenz durch reine Online-Händler (Multiprodukt-Unternehmen wie Amazon und Otto oder spezialisierte Unternehmen wie Zalando und ASOS) und wird so zum Mehrkanal-Vertrieb gezwungen. Alle Marken können jedoch nicht die ganze Hoffnung darauf setzen. Der Prozess ist je nach der Kundesegmentierung und den entsprechenden Konsumgewohnheiten sehr genau zu dosieren. Boutiquen bleiben der bevorzugte Vertriebskanal für Bekleidung (49% geben einer Boutique den Vorzug, gegenüber 36% für den Onlinehandel; Quelle GTAI) und sind somit als solide Basis für ein Mehrkanalmodell zu betrachten.