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10.07.18 – Lectra — read English version

Wichtig ist es die ersten Schritte zu tun!

Online-Shopping, Big Data, vernetzte Maschinen. Holger Max-Lang, Geschäftsführer Lectra Deutschland, stellt sich unseren Fragen zum Thema Digitalisierung.

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Textile network-Interview mit Holger Max-Lang, Geschäftsführer Lectra Deutschland © Lectra

 

textile network: Herr Max-Lang, seit Anfang des Jahres leiten Sie Lectra Deutschland als Geschäftsführer. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

Holger Max-Lang: Sehr positiv. Ich kenne Lectra ja schon lange – die Kunden und die Branchen sind für mich sehr vertraut. 2002 habe ich in München bei Lectra als Account Manager Automotive begonnen, damals waren wir noch ausschließlich für Deutschland und die Schweiz zuständig. Seitdem ist Lectra Deutschland stark gewachsen. Heute verantworten wir die Geschäfte in 24 Ländern in Zentral- und Osteuropa mit Russland. 2009 habe ich die Vertriebsleitung für alle Märkte – Automobil, Möbel und Mode – übernommen und in den Jahren darauf ein enges Verhältnis mit unserem Team aufgebaut. September 2017 habe ich die Stelle als Global Business Development Director Automotive angetreten und schließlich kam das Angebot, die Geschäftsführung zu übernehmen.

textile network: Wenn Sie einen Blick in die Glaskugel werfen, wohin entwickelt sich die Bekleidungsindustrie?

Holger Max-Lang: Die Entwicklung geht ganz klar Richtung Industrie 4.0. In den letzten Jahren hat sich der Markt rasant verändert. Der Wettbewerb ist stärker geworden und die Margen auf Kleidung geschrumpft. Gleichzeitig sind die Anforderungen der Kunden gestiegen. Sie wollen Qualität zu vernünftigen Preisen und das vor allem mit kurzen Lieferzeiten. Vor allem die junge Generation, die es gewohnt ist, online zu shoppen, Produkte und Angebote zu vergleichen, prägt diesen Trend. Dazu kommt der Wunsch nach individualisierten Produkten, der über den eigenen Namen auf der Getränke-Flasche hinausgeht. Kleidung, optimal zugeschnitten auf die eigenen Körpermaße. Möbel, nicht nur mit der persönlichen Farb- und Musterwahl, sondern auch zentimetergenau für Ecken und Nischen der Wohnung angefertigt. Und das bezahlbar für jeden. Der Schritt zur digitalisierten, vernetzten Industrie gibt der Bekleidungsbranche die notwendigen Werkzeuge, um diese Kundenanforderungen und ?wünsche zu erfüllen.

textile network: Wie sieht die Industrie 4.0 in der Bekleidungsindustrie aus?

Holger Max-Lang: Vernetzt. Vom Kunden, über die Logistik, Hersteller, Zulieferer und Rohstoffanbieter, bis hin zu den Design- und Entwicklungsteams. Verknüpft durch einen reibungslosen digitalen Datenfluss über gemeinsame Plattformen – ohne Medienbruch. Dazu kommen intelligente Maschinen und Systeme, die produzieren, Lagerbestände verwalten und sich agil unterschiedlichsten Anforderungen anpassen. Alles auf Basis von Daten, die die vernetzte Lieferkette verbinden. Das sind die Grundpfeiler der textilen Industrie der Zukunft. Wir bewegen uns außerdem stark in Richtung mobile Fertigungsstraßen. Vorstellbar sind zum Beispiel Container-Lösungen, die an einen Pop-Up-Store angegliedert werden – individuelle Produktion für den lokalen Verkauf, ermöglicht durch vernetzte Automatisierung und Robotik.

textile network: Sind deutsche Unternehmen der Bekleidungsbranche gut gerüstet für diese Entwicklung?

Holger Max-Lang: Viele Unternehmen der Branche haben bereits den ersten Schritt in die richtige Richtung getan, indem sie Digitalisierungs-Strategien auf- und umgesetzt haben. In der Modeindustrie gibt es viele Bereiche, die bereits von modernen Technologien profitieren. Dennoch besteht weiterhin enormes Potenzial, einerseits für Automatisierung und Digitalisierung, andererseits um die Abläufe und Datenströme miteinander zu verknüpfen. In einer digitalen Wertschöpfungskette liegen die großen Chancen. Wie lassen sich Produkte schneller entwerfen und entwickeln? Wie die Produktion und Stückzahlen besser auf den zu erwartenden Verkauf oder agil auf unerwartete Nachfrage abstimmen? Das sind Fragen, auf die Bekleidungsunternehmen Antworten brauchen, aber die sich viele noch nicht gestellt haben.

Wir dürfen uns aber nichts vormachen: Der digitale Wandel der Bekleidungsbranche geschieht nicht von heute auf morgen. Aber Unternehmen müssen ihn angehen. Ansonsten verschwinden in den kommenden Jahren sehr viele davon von der Bildfläche. Dabei kann der Nachholbedarf zu einem großen Vorteil werden. Er bietet die Chance, jetzt vieles gleich richtig zu machen und das Beste von heute und morgen zu verbinden. Außerdem bieten sich durch den Trend zur Individualisierung oder kleinen Produktionslosgrößen wieder vielfältige Möglichkeiten, Bekleidung in Ost-Europa anstelle Fernost zu sourcen – was wiederum einen positiven Einfluss auf Qualität- und Margenoptimierung hat.

textile network: Können Sie Beispiele für Vorreiter der Digitalisierung nennen?

Holger Max-Lang: Was heute bereits möglich ist, zeigen vor allem die großen Konzerne wie Adidas. Mit Konzepten, wie der Speedfactory und dem Storefactory-Konzept „Knit for You“, hat das Unternehmen wegweisende Zukunftsbeispiele für die kundenindividuelle Massenproduktion aufgestellt und bereits umgesetzt. Es besteht aber allgemein eine große Schere zwischen den Schwergewichten der Branche und den mittelständischen Bekleidungsunternehmen. Hier hinken Hersteller teils mehrere Jahre zurück. Doch auch unter unseren Kunden in der Modeindustrie sind viele auf einem sehr guten Weg zur digitalen Fertigung. Wichtig ist es, die ersten Schritte zu gehen.

textile network: Was sind die größten Hürden des digitalen Wandels?

Die größte Hürde ist das Aufbrechen alter Strukturen. Die Bekleidungsbranche hat eine lange Tradition. Über Jahrzehnte hat sich die textile Lieferkette nur wenig verändert und so sind Prozesse fest verankert. Stoffe müssen immer noch ein Jahr im Voraus und im Quadratmeter mit einer Mindestabnahmemenge bestellt werden. Zulieferer verwenden oft noch zehn bis zwanzig Jahre alte Fertigungsmaschinen und viele Produktionsschritte werden noch in Handarbeit erledigt, die schon längst automatisiert werden können. Das sind alles langwierige und unflexible Prozesse, die den heutigen Marktanforderungen nicht mehr gerecht werden.

textile network: Was muss sich also ändern?

Holger Max-Lang: Vor allem die Einstellung der Unternehmen. Die Industrie 4.0 ist kein Selbstzweck, der sich automatisch ergibt und nicht jedes Unternehmen findet in ihr den gleichen Nutzen. Aber für jeden bringt sie Chancen – die Produktion zu optimieren oder neue Geschäftsmodelle zu erschließen. Wichtig ist, offen für diese Veränderung zu sein und die Möglichkeiten für das eigene Unternehmen zu ergreifen. Dazu hilft es, sich zu vernetzen – nicht nur im technologischen Sinn. Es ist die Aufgabe der gesamten Branche, in die gleiche Richtung zu gehen – vom Zulieferer, über die Hersteller bis hin zu den Modemarken. Wir von Lectra stehen als Partner Unternehmen zur Seite, diesen Weg in Richtung Digitalisierung und Industrie 4.0 erfolgreich zu beschreiten – über die Technologien verfügen wir bereits.

Herr Max-Lang, herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Fragen für textile network stellte Iris Schlomski