08.09.26 – Textilrecycling — read English version

Längere Fasern, weniger Staub

Der Reißprozess ist der Flaschenhals des mechanischen Textilrecyclings: Er verkürzt Fasern und erzeugt Staub. Agatex Feinchemie hat dafür eine eigene Hilfsmittelserie entwickelt.

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Agatex Feinchemie GmbH entwickelt und produziert seit 1921 Spezialchemikalien für die Faser-, Vliesstoff-, Textil-, Zellstoff- und Holzwerkstoffindustrie. © Agatex Feinchemie

 

Der Engpass liegt im Aufschluss

Mechanisches Recycling gilt als der industriell am schnellsten skalierbare Weg, textile Reststoffe in den Kreislauf zurückzuführen. Sein zentrales Problem ist physikalischer Natur: Beim Reißen wird das Textil über Faser-Faser- und Faser-Metall-Reibung aufgelöst. Was dabei entsteht, sind kürzere Fasern, ein höherer Kurzfaseranteil und Staub. Genau diese drei Größen entscheiden, ob ein Rezyklat in der Krempel läuft – und in welchem Anteil es sich Neuware beimischen lässt. In der öffentlichen Debatte um Kreislaufwirtschaft dominieren Sortierung, Erfassung und Logistik. Der Aufschluss selbst wird dagegen häufig als gegeben behandelt. Dabei entscheidet sich dort, welche Faserqualität am Ende überhaupt zur Verfügung steht.

Entwickelt, validiert, industriell umgesetzt

Agatex hat auf dieser Grundlage eine eigene Hilfsmittelserie für den Reißprozess entwickelt. Für die Validierung war entscheidend, die Wirkung nicht im Labormaßstab, sondern über die gesamte Verarbeitungskette hinweg nachzuweisen. Dafür arbeitet das Unternehmen in einer Partnerschaft mit dem Recycling Atelier des ITA Augsburg zusammen. Das Recycling Atelier bildet die mechanische Recyclingkette in industrienahem Maßstab ab – von der Vorbereitung über den Reißprozess bis zu Vliesbildung und Garnherstellung. Damit ließ sich prüfen, was ein Hilfsmittel im Reißer bewirkt und wie viel davon in den nachgelagerten Stufen tatsächlich ankommt. Ein Effekt, der sich in der Faserlängenmessung zeigt, in der Krempel aber keine Wirkung mehr entfaltet, hat für den Verarbeiter keinen Wert. Die validierten Formulierungen sind inzwischen in der industriellen Anwendung.

Messergebnisse

Geprüft wurde ein Reißhilfsmittel der Serie gegen eine unbehandelte Referenz: Kennwert Veränderung gegenüber Referenz

Mittlere Faserlänge +11,5 %

Kurzfaseranteil −10 %

Staubentwicklung −57,6 %

Für die Weiterverarbeitung sind vor allem die letzten beiden Werte relevant. Ein niedrigerer Kurzfaseranteil verbessert die Faserführung in der Krempel und damit die Gleichmäßigkeit des Flors. Weniger Staub bedeutet geringere Ablagerungen an Garnituren und Absaugung, längere Reinigungsintervalle und stabilere Linienleistung. Die Staubreduktion ist zugleich ein arbeitshygienischer Faktor, der in der Diskussion um steigende Rezyklatanteile bislang unterbelichtet bleibt.

Der Effekt endet nicht am Reißer

Entscheidend für die Praxis ist, dass die Wirkung nicht auf den Aufschluss beschränkt bleibt. Die behandelte Faser trägt ihre veränderten Oberflächeneigenschaften in die nachgelagerten Stufen weiter – und dort zeigen sich die Vorteile teilweise noch deutlicher als im Reißprozess selbst. In der Kardierung führt die reduzierte Reibung zu einem sichtbar gleichmäßigeren Kardenbild. Der Faserdurchgang wird ruhiger, Wickelneigung und Faserstau an den Garnituren gehen zurück. Weniger Staub in der Anlage bedeutet zugleich weniger Verunreinigung im Flor. In der Spinnerei schlägt sich das in einer besseren und schnelleren Verspinnbarkeit nieder: Das Material lässt sich stabiler verziehen, was höhere Liefergeschwindigkeiten zulässt, ohne die Prozesssicherheit zu gefährden. Für Verarbeiter, die Rezyklatanteile erhöhen wollen, ist das häufig der ausschlaggebende Punkt – nicht die Faserlänge auf dem Messprotokoll, sondern die Frage, ob die Linie das Material in der gewünschten Geschwindigkeit sauber durchlässt.

LAMBAFIL R – eine Serie entlang des Prozesses

Aus der Entwicklungsarbeit ist die Serie Lambafil R hervorgegangen. Sie ist nicht als Einzelprodukt konzipiert: Weil das Reibungsverhalten stark vom Fasertyp abhängt, ist die Serie nach der Zusammensetzung des Eingangsstroms differenziert und wird auf den jeweiligen Prozessschritt abgestimmt.

• Lambafil R100 – für synthetikreiche Recyclingmaterialien

• Lambafil R200 – für Baumwolle und cellulosische Recyclingmaterialien

• Lambafil R300 – für PET-reiche Recyclingmaterialien

• Lambafil R400 – für Mischungen aus PET und Baumwolle

Alle Produkte der Serie sind PFAS-frei formuliert. Die konkrete Auslegung erfolgt anwendungsbezogen: Zusammensetzung des Eingangsstroms, Maschinenkonfiguration und Zielqualität des Rezyklats bestimmen Auswahl, Auftragsstelle und Auftragsmenge. „Im Recycling wird viel über Sortierung und Logistik gesprochen und sehr wenig über die Chemie im Reißprozess. Dabei entscheidet sich genau dort, welche Faserqualität am Ende überhaupt zur Verfügung steht. Unsere Partnerschaft mit dem Recycling Atelier hat uns ermöglicht, die Wirkung über die ganze Kette hinweg zu belegen – und nicht nur einen einzelnen Effekt.", sagt Nikolaus Bauer-Harnoncourt, Mitglied der Geschäftsleitung von Agatex Feinchemie GmbH.
Die Agatex Feinchemie GmbH ist beim Dornbirn GFC 2026 als Aussteller vertreten.