07.10.19 – Was gelingt im Netzwerk besser?

15 Jahre Textilnetz bei Bayern Innovativ

Ein Gespräch mit Christina Harwarth, Leiterin des dort verankerten und von Nürnberg aus gemanagten Netzwerks Textile Innovation.

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Netzwerkchefin Christina Harwarth moderiert auf dem Kongress „Intelligente Textilien“ eine Gesprächsrunde zum Thema Funktioneller Digitaldruck. © Bayern Innovativ GmbH

 

Obwohl die innovativen Ansätze für die Keramikfaser-Forschung (Bayreuth), die Entwicklung von Akustikvliesen (Schwarzenbach) oder von Feinstfaser-Composites (Durach) recht unterschiedlich sind, finden sich alle Akteure unter dem Dach des Netzwerks Textile Innovation von Bayern Innovativ wieder. Das Kooperationsnetz, das den textilen Mittelstand mit interdisziplinären Praxis- und Forschungspartnern sowie mit Anwendern aus verschiedenen Branchen zusammenbringt, besteht seit 15 Jahren. Es ist zugleich Teil des ThinkNet im Freistaat, dem eine Vielzahl von Branchen- und Technologienetzwerke angehören. Im Juni 2019 wurde Bayern Innovativ nun mit dem Innovationspreis „TOP 100 Innovator“ ausgezeichnet. Diese Auszeichnung sowie das 15-jährige Jubiläum nehmen wir zum Anlass für ein Gespräch mit Christine Harwarth. Die Volkswirtschaftlerin hat das Netz mit aufgebaut.

textile network: Wie war die Ausgangssituation damals vor 15 Jahren?

Christine Harwarth: „Uns hat damals vor allem der abzusehende starke Wandel in der Branche hin zu Technischen Textilien und der entsprechende Forschungsvorlauf motiviert, diese Dialog- und Kooperationsplattform zu schaffen.“

Dass die Grundidee aufging, beweist ein Blick auf die vielfältigen Aktivitäten, die die Bedarfssituation der Industrie spiegeln, also in der Regel stark nachgefragt werden. Mit seiner Arbeit unterstützt Textile Innovation seither in einer der wichtigsten mitteleuropäischen Textilregionen die Nutzung neuer Trends und Technologien, hilft bei der Erschließung umsatzträchtiger Geschäftsfelder und bringt dafür Schlüsselpartner ins Gespräch – bayernweit, national und international.

textile network: Was ist für Sie rückblickend die wichtigste Erkenntnis aus Ihrer Arbeit?

Christina Harwarth: „Wenn Industrie und Wissenschaft wie bei Textil an einem Strang ziehen, können aus Ideen und Impulsen umsatzrelevante Innovationen werden. Unser Netzwerk treibt diesen Dialog interdisziplinär und über Ländergrenzen hinweg voran.“

Symposien und Kooperationen

Jährlich werden zwei interdisziplinäre Symposien bzw. Konferenzen angeboten: Im März dieses Jahres in Lindau zum Thema „Textil Innovativ – Technologien für Multifunktionalität & Nachhaltigkeit“ und am 21. November das Forum „Zukunftsperspektiven für die Textilindustrie“ in Nürnberg.

Mit eigenen Studien – 2018 beispielsweise zu „Textil & Nachhaltigkeit“ unterstützt das Textilnetz den Technologie- und Wissenstransfer in Richtung Textil- und Bekleidungsindustrie. Seit 2004, dem Start des Netzwerks, wurden mehrere Technologie- und Marktstudien u. a. zur Textilen Zukunft (2012), zu Perspektiven der Bayerischen Textil- und Bekleidungsindustrie (2004) sowie Perspektiven für die Ostschweizer Textilindustrie (2006) erarbeitet. Das Anwenderjournal konTextil (bis 2016) hatte zu solchen Schwerpunkten wie Medizintextilien, Bautextilien, Schutztextilien, Sport & Outdoor mannigfaltige Chancen für textile Innovationen aufgezeigt. Harwarth: „Dies hat den ein oder anderen Produzenten aus der Branche ermutigt, neue Wege zu gehen.“

Im Rahmen des Netzwerks sind auch Kooperationen zwischen Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen entstanden. Ein Beispiel hierfür ist die Zusammenarbeit des Sportprodukteherstellers und Herstellers von persönlicher Schutzausrüstung uvex mit dem Beleuchtungshersteller Osram: uvex plante leuchtende Textilien in seine Schutzbekleidung zu integrieren, Osram war wiederum auf der Suche nach neuen Absatzmärkten für LEDs. Durch die Kenntnis der Bedarfe beider Unternehmen konnte Bayern Innovativ sie zielgerichtet zusammenführen. Dies war der Impuls zur gemeinsamen Entwicklung einer selbstleuchtenden Warnweste, die auf dem Kongress „Intelligente Textilien“ 2017 von Bayern Innovativ in Lindau vorgestellt wurde.

Dach auch für eigene Netzwerke

Das Netz selbst, das nahezu 1.000 Partner aus Produktion und Forschung zusammenbringt, hat mit Blick für neue Marktchancen für die beteiligten Partner bisher zwei BMWi-geförderte ZIM-Netzwerke auf den Weg gebracht: DIGI4TT (Digitaldruck zur Funktionalisierung Technischer Textilien) und den auf Nachhaltigkeit fokussierten Kooperationsverbund WiProNa (Wir produzieren Nachhaltigkeit). Nach Ablauf der jeweiligen Förderung konnten beide Netzwerke verstetigt werden; DIGI4TT wird aufgrund von Wachstumserwartungen in dem Bereich industriefinanziert weitergeführt, während die Netzwerkmitglieder von WiProNa ihre Arbeit im Bayern Innovativ-Cluster „Neue Werkstoffe“ fortsetzen wollen.

Die bayerische Textilindustrie- und Bekleidungsindustrie

Die Branche zählte zu ihren Hochzeiten im Jahr 1960 fast 116.000 Beschäftigte in 803 Unternehmen. 2018 erwirtschafteten knapp 23.000 Mitarbeiter in 199 Firmen 4,7 Mrd. Euro, den Auslandsumsatz von rund 2,1 Mrd. Euro mit eingerechnet. (Quelle: Landesamt für Statistik)