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11.07.15 — read English version

5 Fragen an Paulo Vaz

Paulo Vaz Photo: ATP

Paulo Vaz Photo: ATP

 

Portugals Textilindustrie erfindet sich neu! 80 Prozent der Produktion sind für den Export bestimmt und gehen nach Spanien, Frankreich, Deutschland, Großbritannien und in die USA. Textile network sprach mit Paulo Vaz, Direktor des Textil- und Bekleidungsverbandes von Portugal (Textile and Clothing Association of Portugal)

Paulo Vaz: Die Wiederbelebung der portugiesischen Textil- und Bekleidungsindustrie hing sehr stark mit der Widerstands- und Anpassungsfähigkeit der einzelnen Unternehmen zusammen. Angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten erfanden sie sich neu, sie modernisierten sich, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Manche Maßnahmen wurden allerdings an zentraler Stelle ergriffen, um den Unternehmen in dieser heiklen Phase unter die Arme zu greifen. Dazu gehörten beispielsweise diverse Anreize, Design und Mode miteinander zu kombinieren sowie Produkte mit neuen Technologien anzubieten, aber auch die in den letzten Jahren vom ATP einführten Internationalisierungsprogramme, die über die Selectiva Moda liefen.

Als Sonderorganisation nimmt die Selectiva Moda jedes Jahr 200 Unternehmen auf circa 65 Fachmessen in 35 Ländern der Welt mit. Das Hauptziel besteht darin, unsere Stellung in den traditionellen Märkten wie Europa oder den USA zu konsolidieren, aber auch in aufstrebenden Märkten wie China, Angola, Brasilien, Mexiko, Kolumbien und Japan Fuß zu fassen. So ist es uns gelungen, zwischen 2009 und 2014 bei einem stark reduzierten Sektor mit wesentlich weniger Unternehmen sowie Mitarbeitern den Export um satte 23 Prozent auf mehr als 4,6 Mrd. Euro zu steigern. Das Erfolgsrezept lautete: Produktionsexzellenz und ein differenziertes Produktangebot mit viel Mehrwert. So ist es Portugal gelungen, seine berechtigte Position als qualifizierte Größe in der globalen textilen Kette wieder zu erlangen.

Paulo Vaz: Portugals Textil- und Bekleidungsindustrie blickt auf eine lange Tradition im Bereich Herrenbekleidung, Strickwaren und Heimtextilien zurück. In den letzten Jahren hat man große Fortschritte in der Damenmode gemacht, so dass die Spezialisierung der Vergangenheit nicht mehr so stark ausgeprägt ist. Vielleicht noch interessanter ist das Aufkommen eines neuen Teilsektors, der immer wichtiger und stärker wird. Damit meine ich natürlich die technischen Textilien und die Funktionstextilien. Vor knapp zehn Jahren machten technische Textilien circa 10 Prozent der Gesamtproduktion im textilen Bereich aus. Heute sind es bereits über 20 Prozent der gesamten Textilproduktion Portugals. Inzwischen glaubt man, dass sich diese Prozentzahl bis Ende des Jahrzehnts auf 30 Prozent erhöhen könnte, was dem Durchschnitt der in diesem Bereich führenden europäischen Kräfte wie Deutschland entsprechen würde.

Paulo Vaz: Portugals Hauptabnehmer sind Spanien, Frankreich, Deutschland, Großbritannien und die USA. Als Markt werden die USA aufgrund des Freihandelsabkommens mit der EU künftig sicherlich sehr vielsprechend, aber China, Angola, Russland und Mexiko versprechen, ebenfalls gute Märkte zu werden, vorausgesetzt natürlich es gibt keine politischen bzw. wirtschaftlichen Hindernisse, die diese Vision gefährden könnten.

Paulo Vaz: Portugals Textil- und Bekleidungsindustrie war schon immer exportorientiert. Fast 80 Prozent der Gesamtproduktion sind für den Export bestimmt. Das liegt daran, dass unsere Industrie viel zu groß angelegt ist, um nur den portugiesischen Markt zu bedienen aber auch daran, dass Portugal ein offener Markt darstellt. Damit meine ich, dass das globale Angebot hier gerne ungehindert – d.h. ohne Regelungen oder kulturelle Hindernisse – gegen die Konkurrenz antreten kann.

Es gibt aber durchaus Unternehmen, die ausschließlich für den heimischen Markt produzieren, indem sie ihre Ware an andere weiterverarbeitende Unternehmen in der textilen Kette weitergeben, die dann die Produkte in aller Welt verkaufen können. Diese B2B-Beziehungen gibt es vor allem bei Stoffproduzenten und Veredlern. Außerdem gibt es schon einige portugiesische Marken, die ausschließlich in Portugal produzieren und sich auf den heimischen Verbrauchermarkt beschränken, aber es sind nur wenige und die fallen wirtschaftlich kaum ins Gewicht.

Paulo Vaz: Portugals Textil- und Bekleidungsindustrie nimmt das Thema Nachhaltigkeit sehr ernst, nicht nur im Hinblick auf die Umwelt, sondern auch auf die wirtschaftlichen, sozialen und energetischen Aspekte der Nachhaltigkeit. Die in Portugal hergestellte Mode berücksichtigt diese Prinzipien, und zwar nicht weil der Verbraucher das wünscht, sondern weil sie in der Gesetzgebung und im nationalen Wertesystem bereits fest verankert und auch innerhalb der EU geregelt sind. Ein Beispiel hierfür ist die Abwasserreinigung in „textil-lastigen“ Regionen, die über ein fortschrittliches Entgiftungssystem bzw. -modell für die nächsten 20 Jahre gewährleistet ist, das wiederum auch international aufgezogen werden soll. Portugals Arbeitsrecht bietet der arbeitenden Bevölkerung einen umfassenden, weltweit unvergleichlichen Schutz, der alle Aspekte wie Hygiene und Sicherheit am Arbeitsplatz berücksichtigt – dieser Schutz geht viel weiter als die im ethischen Codex festgeschriebenen Schutzmaßnahmen der internationalen Unternehmen. Die Nachhaltigkeit ist für Portugal nichts Neues. Diese Bewegung bestätigt lediglich das, was im Handeln und im Umgang mit Lieferanten und Kunden bereits tief verwurzelt ist.

Paulo Vaz (53) hat seit 2003 das Amt des Generaldirektors des ATP inne. Zuvor war er fünfzehn Jahre lang Generalsekretär und Generaldirektor des APIMs (Portugals Strickerei-Verband). Er ist außerdem Vize-Präsident der Selectiva Moda (für internationale Fachmessen verantwortlich) sowie Präsident des CENIT (Textile Intelligence Studies Centre). Als Gründer koordiniert Vaz das „Textile Industry Forum“, eine nationale Konferenz zu den Perspektiven der Textilindustrie, die zu den wichtigsten Europas gehört.

Herr Vaz vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen für textile network stellte Ingrid Sachsenmaier.