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20.01.16 – Intertextile Shanghai Apparel Fabrics — read English version

Veränderung naht

Der globale Sourcing-Markt ist im Umbruch. Die Ära Chinas als einstiger Garant für niedrige Produktionskosten und verlässliche Qualität auf dem Rückzug.

Messe-Impressionen Photos: Frömbgen

Messe-Impressionen Photos: Frömbgen

 
Intertextile Shanghai: Veränderung naht
 
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 Dennoch verspricht der chinesische Markt als gigantischer Absatzmarkt enormes Potenzial. In welchem Ausmaß, bewies eindrücklich die Herbstedition der Intertextile Shanghai, die bereits im Vorfeld Ausstellerrekord verkünden konnte. Die relative Schwäche des Euros, politische Unsicherheiten und die steigende Erwartung an Corporate Social Responsibility rühren den Beschaffungsmarkt zudem auf wie die gerade veröffentlichte 12. Auflage der „Kurt Salmon Global Sourcing Reference-Studie“ zeigt. Die Studie analysiert alle zwei Jahre detailliert die aktuellen Entwicklungen der Textil- und Bekleidungsbeschaffung in den 46 wichtigsten Beschaffungsländern weltweit. Es zeigt sich: Unternehmen sind stärker denn je gezwungen nach Sourcing-Alternativen zu suchen.

Der Anteil des Beschaffungsvolumens von China für Europa ist laut der Studie von ehemalsüber 40 Prozent auf heute 32 Prozent gesunken, getrieben von weiter gestiegenen Lohnkosten und dem starken Yuan. Das eher hilflose Gegenkämpfen der chinesischen Regierung vermag den Trend nicht aufzuhalten. Das betrifft auch Zentralchina, wo der sogenannte Production-Cost-Index prozentual sogar noch stärker gestiegen ist als an der Küste – was auch der geringeren Produktivität in den zentralen Regionen geschuldet ist. China ist kein Niedriglohn-Land mehr und wird es in Zukunft nicht wieder werden.

Aufgrund des riesigen Bedarfs des heimischen Marktes hat dies für die Intertextile keine negativen Auswirkungen. Ganz im Gegenteil. Mit dem Umzug im vergangenen März auf das neue Messegelände, das National Exhibition and Convention Centre, sind die Dimensionen der Ausstellungsfläche weiterhin gigantisch. Über 4.600 Aussteller aus 29 Ländern präsentierten ihre neuesten Kollektionen in 10 Hallen auf einer Fläche von 228.000 qm. Die Besucherzahl dagegen sank von rund 71.300 aus dem Vorjahr auf 66.200, wobei die Vorjahresveranstaltung noch an vier Tagen stattfand.

„Unser Ziel ist es, die Messestrukturen entscheidend zu verbessern und den Aussteller die Möglichkeit des gegenseitigen Wissenstransfers zu ermöglichen, während Einkäufer effektiver entlang des gesamten Produkt-Portfolios von Stoffen und Accessoires, Fasern und Garnen sourcen können, in jeder Qualität und für jegliche Preisrange – für jeden soll das Passende dabei sein!“ erklärt Wendy Wem, Senior General Manager der Messe Frankfurt (HK) Ltd.

Und dennoch berichteten einige chinesische Austeller über eine prekäre Auftragslage in vielen Textilbetrieben Chinas, ein Zustand, der sich zu verschlimmern drohe mit dramatischen Auswirkungen für die gesamte chinesische Textilindustrie. C.Y. Cheung, CEO des chinesischen Denimherstellers Panther Textiles Holding, beschreibt die Lage wie folgt: „Die wirtschaftliche Entwicklung Chinas hat einen großen, negativen Einfluss auf die generelle Auftragslage und auch die europäische Krise hat die Aufträge schwinden lassen.

In China selbst haben die Zunahme der Lohnkosten und der Rohware zu strukturellen Veränderungen geführt. Um die Preise relativ stabil zu halten, sei man gezwungen immer günstigere Rohware einzukaufen.“ Der Absatzfokus der präsentierten Kollektion liege dabei auf dem heimischen Markt. Der Schlüssel des Erfolges der chinesischen Textilindustrie liegt seiner Meinung nach in der Innovationskraft, die es zu verbessern gelte. Laut der genannten Studie wird am Beispiel Denim zudem deutlich, dass der Kostenvorteil von Fernost gegenüber dem Europa-angrenzenden Raum langsam schmilzt: So verlor China in den letzten zwei Jahren 7 Prozent des Beschaffungsvolumens von Denim an Länder mit geringeren Produktionskosten, allen voran Bangladesch, Pakistan und Kambodscha aber auch Türkei, Tunesien und Polen.

Europa hat nach wie vor einen hohen Stellenwert in China, die Nachfrage von chinesischen Einkäufern nach hochqualitativen Produkten steigt ungebrochen weiter an. „Chinesische Einkäufer suchen nach europäischen Styles“, erklärt Diane Parrot, Sales Manager bei John Kaldor UK. „Auch wir vernehmen einen stark zunehmende Nachfrage seitens China“, bekräftigt Filippo Picchi, CEO at Picchi Spa. Dies ist auch der Grund, warum immer mehr europäische Produzenten den Weg nach China suchen, ob in eigens geführten Manufakturen oder in Kooperation mit chinesischen Unternehmen. Und solange die chinesischen Produzenten der europäischen Innovationskraft so immens hinterher hinken, wird sich an diesem Phänomen so schnell auch nichts ändern werden.

Die beiden internationalen Hallen waren geprägt von einem europäischen Teil mit einer Premium Wool Zone und dem Salon Europe mit Länderpavillons aus Deutschland, Portugal, Großbritannien der Türkei und erstmals auch Frankreich. High-Quality made in Italy bot die Milano Unica, die bereits zum 8ten Mal in China stattfand und zum allerersten Mal sieben Garnhersteller präsentierte. Silvio Albini, Präsident der Milano Unica

Den weitaus größeren Part der Intertextile Shanghai stellten die acht „domestic halls“ mit chinesischen Ausstellern unterteilt in diverse Produktgruppen wie Ladieswear, Functional Wear, Sportswear, Swimwear, Suiting oder Shirting.

Viel diskutiert wurde in der „All About Sustainability“-Area das Potenzial der chinesischen Textilindustrie. Ma Ton von Ecocert sprach mit vielen heimischen Unternehmen. „Sie benötigen unsere Zertifizierungsmechanismen, um auch im internationalen Markt bestehen zu können. Denn obwohl die Textilindustrie in China an Schlagkraft verloren hat, bleibe ich was die Zukunft betrifft optimistisch, insbesondere was den Einsatz von natürlichen Produkten in der Textilindustrie betrifft. Ergänzt wurde dieser Bereich durch die Vortragsreihe im Rahmen der Planet Textile Conference mit Expertenvorträgen aus Europa, USA und Asien.

Bleibt festzuhalten: Die Zeichen in Chinas Textilindustrie stehen auf Veränderung und es wird sich zeigen, wie sich der chinesische Markt verändern wird. Fakt ist: er ist bereits im Veränderungsprozess und es werden die chinesischen Textilunternehmen profitieren, die wandelbar und flexibel am Markt agieren und den Wandel mit vollziehen können, und das trotz der Krise. Denn Krisen bergen immer auch Chancen.

[Heike Frömbgen]