02.02.21 – Nachhaltigkeits-Startups Folge 5: Prezise GmbH

Ziel Zero (5): Das Unmögliche wagen

Alles, was wir an Bekleidung tragen, sollte entweder recycelbar oder vollbiologisch abbaubar bzw. verrottbar sein. Innovative Start-ups zeigen Wege auf.

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Kampf gegen Retouren mit Visionen und KI: Gründertrio Awais Shafique, Tomislav Tomov und Leon Szeli. © Prezise

 
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Genau wie beim Maßschneider: Handy-Bodyvermessung à la Prezise. © Prezise

 
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Der Gedanke fasziniert Textilforscher wie auch Newcomer im Textil- und Modebereich gleichermaßen: Eines möglichen frühen Tages sollte alles, was wir an Bekleidung tragen, entweder recycelbar oder vollbiologisch abbaubar bzw. verrottbar sein. Dafür sind keine Patentrezepte in Sicht, wohl aber Einzelschritte, die mit neuen Materialien und Technologien in die richtige Richtung zielen. textile network (TNW) stellt in lockerer Folge junge Firmen aus dem deutschsprachigen Raum vor, die mit Blick auf eine verbesserte Kreislaufwirtschaft deutlich die Grenzen des bisher Möglichen sprengen.

  • Folge 5: Prezise GmbH (München)

Misst wie ein Maßschneider: Handy erfasst die exakten Körpermaße

Wir wissen es alle und haben es bisher fast widerspruchslos hingenommen: Abermillionen größenbedingte Retouren belasten beim Online-Bekleidungskauf nicht nur die Prozessökonomie, sondern gehen auch zu Lasten von Ressourcen und Umwelt. Künstliche Intelligenz aus München soll künftig dieses (oft mehrmalige) Ping-Pong zwischen Käufer und Verkäufer vermeiden helfen. Bei der eigenen 3D-Vermessung seines Körpers mit anschließendem Größenvorschlag benötigt der Kunde nur sein eigenes Smartphone. Mit dieser Innovation, die nur eine einzige Körperumdrehung erfordert, hatte das Start-up Prezise im Oktober 2020 in der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“ die volle Aufmerksamkeit bei Investoren. Carsten Maschmeyer stieg mit 650.000 Euro ein; nach der Sendung gab es weitere Investments. Fragen an den Wachstumsmanger Raban Siegler (24):

textile network: Sie wollen 2021 Ihren Nachhaltigkeitsanspruch weiter auf die Spitze treiben – womit?

Raban Siegler: Unser Geschäftsmodell findet auf zwei Entwicklungen eine Antwort: Zum einen kämpfen Onlineshops mit unwahrscheinlich hohen Retourenkosten, zum anderen wird der Endkonsument immer sensibler für Nachhaltigkeitsthemen. Weil KI selbstlernend ist und dafür eine Masse von Retourendaten benötigt, macht unsere Innovation zunächst nur für mittlere und große Shops ab einem Jahresumsatz ab 5 bis 10 Mio. Euro Sinn. Deshalb gehören zu unseren Kunden Pierre Cardin, Keller Sports und Baldessarini. Später sollen auch die kleineren Anbieter von unserer Software profitieren können. Vor diesem Hintergrund wollen wir 2021 zum Marktführer für digitale Größenberatung und Retourenreduktion werden. Jeder Shop in Deutschland sollte uns dann kennen ...

  • „Ein sehr kompetentes Gründerteam, eine echte Lösung für ein bisher ungelöstes Problem – und das alles basiert auf einer Technologie mit künstlicher Intelligenz.“ Höhle der Löwen-Investor Carsten Maschmeyer

textile network: Was geht entwicklungsseitig noch?

Raban Siegler: Es gibt zwei Schwerpunkte. Zunächst will Prezise bei der Erfassung der Körpermaße (Computervision) noch präziser werden. Für Computervision und Deeplearning setzen wir jeweils Technologien ein, auf die wir Patente haben. Zum anderen soll sich auch die Genauigkeit unseres KI-Algorithmus verbessern. Wir erreichen jetzt schon eine Standardabweichung von 1,5 cm – allerdings nicht an einer, sondern summarisch an 25 Messstellen. Wir sind damit jetzt schon so genau wie ein Maßschneider, der die Maße per Hand ermittelt. Das kommt uns in Coronazeiten sogar zugute, denn einige Schneider, die jetzt nicht mehr zu ihren Kunden kommen, arbeiten inzwischen mit unserer Software. Übrigens entwickeln wir alles komplett inhouse. Unsere Mitarbeiter kommen aus 22 Ländern. Sie haben an weltweit führenden Unis wie Stanford, MIT, Cambrigde, Brown oder München geforscht. Sie sitzen in Kanada, Brasilien oder Ägypten und kommen von Amazon und den größten Tech-Konzernen wie SAP. Wir haben für eine Technologiestelle, die wir besetzen wollen, zum Teil mehrere hundert Bewerber.

Das sagen Kunden:

  • Da Presize eine Webapp ist, lässt sie sich direkt im Onlineshop (Desktop & Mobile) einbauen und mit nur einem Klick im gleichen Browserfenster öffnen. Die Integration wirkt damit wie ein natürlicher Teil des Bestellprozesses. Das war uns wichtig, um die Conversion von der Produktauswahl bis zum Abschluss der Bestellung möglichst hoch zu halten. Außerdem trägt der Kunde schon vor dem Vermessen seine Email-Adresse ein, was das Retargeting bei Abbruch der Bestellung vereinfacht. Das Dashboard ist übersichtlich, einfach zu bedienen und die Video-Erklärungen zu den einzelnen Messgrößen sind gut verständlich. Voll zufrieden! Kimani Michalke, Gründer Yarn&You

textile network: Wie sieht Prezise 2025 aus?

Raban Siegler: Wir sind bis dahin die Plattform, die federführend nicht nur die Maße von Körpern, sondern darüber hinaus auch von allen möglichen Dingen präzise ermitteln kann. Mit Blick auf die Gesundheitswirtschaft, um nur eines der denkbaren Einsatzfelder zu nennen, ergeben sich dafür riesige Chancen. Denken Sie nur an die Problematik von Orthesen oder Kompressionsstrüpfen, patientengenau angepasst und gefertigt werden ... Mit unserer Technologie ließen sich auch Tierkörper vermessen, um beispielsweise den besten Zeitpunkt für die Schlachtung zu ermitteln. Schon bis 2023 wollen wir perfekte Größenempfehlungen für eine Milliarde Kleidungsstücke zur Verfügung stellen. Das spart für Endnutzer (Zeit), Shops (Geld) und die Umwelt (CO2).

Prezise auf einen Blick:

  • Gründung: 2019

  • Gründer: Awais Shafique (25), Tomislav Tomov (29), Leon Szeli (27)

  • Mitarbeiter: 22 plus Aufwuchs 2021 von 20 KollegInnen

  • Alleinstellung: Digitaler Größenberater für Mode-Online-Shops. Mit nur einem kurzen Smartphone-Video und der Beantwortung von Fragen zur Körperform erhalten Nutzer immer die richtige Größenempfehlung.

  • www.prezise.ai

textile network: Wenn Ihnen eine Fee nur einen Wunsch erfüllen könnte ...

Raban Siegler: … dann der, dass wir in den zehn größten Onlineshops Europas integriert werden. Bis jetzt sind wir noch auf Deutschland beschränkt, haben rund 90.000 Personen eingescannt.

textile network: Eine letzte Frage zur Coronakrise: Wie hat sich die Pandemie bislang auf Ihre Firma ausgewirkt?

Raban Siegler: Corona mit seinen oft negativen Umsatzfolgen war für unsere Kundenzielgruppen ein Grund, die Anschaffung unserer Software entweder aufzuschieben oder sogar schneller als geplant zu realisieren. Intern hat uns Corona auch nicht ausgebremst, eher herausgefordert.