13.10.20 – Textilkontinent Europa – Chancen und Risiken, Teil 5

Mit Circular Economy in die textile Zukunft

„Wir können Green Deal!“, sagt Julia Eckert, die beim Gesamtverband textil+mode den Fachbereich Kreislaufwirtschaft vorantreibt.

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Kreislaufwirtschaft auf dem Bundespresseball: t+m-Präsidentin Ingeborg Neumann mit Preisträgern des Wettbewerbs „Wandel“ der Hochschule Niederrhein auf dem Roten Teppich, der anschließend wieder recycelt wird. © textil+mode

 
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„Wir können Green Deal“, sagt die Ingenieurin Julia Eckert, die der Kreislaufwirtschaft in der Textilindustrie eine große Zukunft vorhersagt. © t+m

 
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Jetzt geht’s rund

„Zirkuläres Wirtschaften bedeutet, Rohstoffe so lange und häufig wie möglich zu nutzen und Ressourcen dabei in Kreisläufe zu führen, ohne neue Ressourcen zu verschwenden. Dazu gehört, auch Produkte und Geschäftsmodelle neu zu denken“, erklärt uns die Circular Economy-Expertin Julia Eckert von textil+mode und gibt uns einen Überblick über Trends und europäische Circular Economy Hubs. „Wir können Green Deal!“, sagt Julia Eckert, die beim Gesamtverband textil+mode den Fachbereich Kreislaufwirtschaft vorantreibt. Ihren Master hat sie in Umweltingenieurwissenschaften mit Schwerpunkt Recycling an der RWTH Aachen absolviert und zuvor Umwelt- und Recyclingtechnik an der HS Nordhausen studiert. Für ihre Masterarbeit, einem Umweltbewertungssystem für die Herstellung von Jeans, ist sie mit dem Förderpreis des Deutschen Textilmaschinenbaus ausgezeichnet worden.

In Jeans und T-Shirt trifft textile network in Berlin Julia Eckert auch an ihrem Arbeitsplatz an. Sie schaltet sich derzeit von einer Videokonferenz zur anderen: Circular Economy ist in den Tagen mehr denn je gefragt.

  • „Es gibt Unternehmen, die mir erzählen, dass sie schon vor Jahren Recyclingverfahren entwickelt haben. Was damals kaum für Aufsehen sorgte, ist jetzt im Trend, spätestens seit die neue EU-Kommission den Green Deal für Europa und den neuen Circular Economy Action Plan ausgerufen hat.“ Dabei denken die meisten bei Kreislaufwirtschaft einzig und allein nur an die Frage, was mit Hose, Jacke, Hemd passiert, die in der Altkleidersammlung landen. „Kreislaufwirtschaft ist viel mehr als das“, weiß Julia Eckert zu berichten und nimmt uns mit auf eine spannende Reise ...

Erste Station: Firma Gebrüder Otto in Dietenheim im Alb-Donau-Kreis

Gebrüder Otto ist ein Traditionsunternehmen, das nicht erst seit gestern Nachhaltigkeit im Unternehmen lebt. Unter anderem verspinnt das Unternehmen Garn- und Web-Reste. Recot heißt das Verfahren; bei der Produktion von 1 kg Baumwolle können damit je nach Mischungsverhältnis bis zu 10.000 l Wasser eingespart werden. „Zirkuläres Wirtschaften bedeutet, Rohstoffe so lange und häufig wie möglich zu nutzen und Ressourcen dabei in Kreisläufe zu führen, ohne neue Ressourcen zu verschwenden. Dazu gehört es, auch Produkte und Geschäftsmodelle neu zu denken“, erklärt uns die Circular Economy-Expertin.

Zweite Station: Object Carpet, aus Denkendorf bei Stuttgart

Als beim letzten Bundespresseball in Berlin die 2.300 Gäste über den 70 m langen roten Teppich schreiten, staunen viele nicht schlecht, was aus alten Fischernetzen und aus dem Meer geborgenen Plastikabfällen in Deutschland alles hergestellt werden kann. Und auch nach dem Ball wird der rote Teppich nicht etwa eingerollt und eingemottet, sondern wiederverwertet und erneut dem Kreislauf zugeführt.

  • Weitere neue Geschäftsmodelle entstehen derzeit rund um die Frage, wie Textilien künftig mehr und mehr aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden können.
  • Und genau das ist das Ziel des vom Bundesforschungsministerium geförderten „Innovationsraums Biotexfuture“.

Innovationsraum Biotexfuture

Für einen Zeitraum von fünf Jahren fördert das Ministerium eine Reihe von Kooperations-Projekten. Zum einen sollen nachhaltige Rohstoffquellen erschlossen werden – sogenannte biobasierte Substrate – unter anderem Algen. Zum zweiten soll die gesamte Prozesskette vom Rohstoff bis zum fertigen Textil beleuchtet und optimiert werden.

Thomas Köhler vom Institut für Textiltechnik (ITA) der RWTH Aachen, einer der Koordinatoren von Biotexfuture:

„Ein Totschlagargument ist heute, dass biobasierte Substrate teurer als die etablierten petrochemischen Substanzen sind. Insofern muss die gesamte Prozesskette optimiert werden, um biobasierte Produkte künftig in großer Menge, der nötigen Qualität und wirtschaftlich fertigen zu können.“

Die Kooperation hat den Vorteil, dass viele Forschungseinrichtungen und Industrieunternehmen zusammenarbeiten. Untersucht werden zudem sozioökonomische Aspekte – unter anderem die Frage, inwieweit und unter welchen Voraussetzungen Kunden tatsächlich bereit sind, biobasierte aber eventuell teurere Textilien zu kaufen.

Damit schlägt Biotexfuture, das Ende Juni 2020 gestartet ist, den großen Bogen zwischen der Grundlagenchemie und dem Markt. Tatsächlich steckt die Marktforschung rund um Circular Economy bei Textilien noch in den Kinderschuhen.

Aktuelle Umfrage zur Kreislaufwirtschaft

Ganz aktuell ist eine Umfrage, die der norwegische Weltmarktführer bei Technologien für die Kreislaufwirtschaft, Tomra, in Auftrag gegeben hat.

  • Insgesamt wurden rund 4.000 Menschen in Deutschland, Frankreich, Norwegen und Großbritannien zu ihrem Konsum- und Einkaufsverhalten seit der Corona-Pandemie befragt, jeweils rund 1.000 Menschen in jedem Land. Demnach wächst in der Corona-Pandemie bei vielen Bürgerinnen und Bürgern in Europa zwar die Erkenntnis, dass die Welt verantwortungsvoller mit Ressourcen umgehen muss. Nach der repräsentativen Studie setzen die Verbraucher das im eigenen Alltag aber bisher nur bedingt um – vor allem in Deutschland: Nahezu zwei Drittel (63 Prozent) der Befragten gaben an, ihr Konsumverhalten in der Corona-Krise nicht verändert zu haben und dies auch nicht zu planen. In Frankreich und Norwegen lehnte jeweils nur die Hälfte der Befragten Änderungen im Konsumverhalten ab. In Großbritannien waren es dagegen nur 36 Prozent.

Volker Rehrmann, bei Tomra für das Segment Circular Economy verantwortlich:

„Insgesamt steigt das Bewusstsein in der Bevölkerung für globale wirtschaftliche Zusammenhänge und einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Wenn es aber darum geht, im Alltag nachhaltiger zu leben, klafft oft noch eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.“

Eine überwältigende Mehrheit von 94 Prozent der Befragten war sich immerhin über alle Länder hinweg einig, dass das Thema Recycling künftig wichtiger wird. So beschäftigt sich auch der europäische Dachverband der Textil- und Bekleidungsindustrie, Euratex, mit der Vernetzung und dem Austausch von Unternehmen entlang der textilen Kette, um nicht nur am Textilrecycling zu forschen, sondern um bereits jetzt konkret mit vorhandenen Möglichkeiten, Recyclingketten aufzubauen.

  • Mit fünf Pilotprojekten, so genannten Circular Economy Hubs, will Euratex sichtbar machen, was schon heute in Europa möglich ist; ein Pilotprojekt soll es auch in Deutschland geben.

Das Jahrzehnt der textilen Kreislaufwirtschaft hat erst begonnen, ist sich Julia Eckert sicher, und wählt sich schon in die nächste Videokonferenz ein. Diesmal geht es um Erfahrungen eines Herstellers für Outdoorkleidung. Dieser weiß zu berichten, dass bei seinen Kunden, Jacken und Hosen aus recyceltem Material voll im Trend liegen. Outdoor-Fans wollten schließlich die Natur schützen, in der sie gerne unterwegs sind, so die Philosophie, mit der sich Umweltschutz und Outdoor-Bekleidung jetzt zusammenbringen lassen. Vor ein paar Jahren sei das noch anders gewesen, erzählt der Familienunternehmer. Da sei es schwierig gewesen, die Kunden für Kleidung aus recyceltem Material zu begeistern, da sie als minderwertiger galt.

„Hier hat sich jede Menge geändert“, so Julia Eckert, die sich schon auf ihre Arbeit an den Circular Economy Hubs freut. „Wir bei Textil können Green Deal, und das werden wir mit unseren europäischen Hubs Schritt für Schritt in eine spannende Zukunft führen!“