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18.03.19 – Speed-, Store-, Microfactories — read English version

Was kommt als Nächstes?

Was vor zehn Jahren noch blanke Utopie war, nimmt auf der Doppelmesse Techtextil+Texprocess 2019 gleich mit mehreren Microfactories Gestalt an.

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Als Textiler seit 2012 bei Speedfactory & Co. dabei: Dr.-Ing. Yves-Simon Gloy (38) © STFI/W. Schmidt

 
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Auf mehreren großen Messen, wie hier auf der Texprocess 2015, war die Microfactory 4 Fashion bereits zu sehen. „Simulate, Print and Cut“ ist der Vorläufer zum Konzept der Microfactory. © Messe Frankfurt / Pietro Sutera

 
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Digitalisierung live, vor der sich in absehbarer Zeit kaum ein Unternehmen mehr drücken kann, will seine Existenz nicht aufs Spiel setzen. Wohin die Reise geht, welche Folgen 4.0 als gewaltige Produktivkraft in der Textilindustrie haben wird und, was der Kunde davon hat, erläutert Dr.-Ing. Yves-Simon Gloy, Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor des Sächsischen Textilforschungsinstituts e. V. Chemnitz (STFI) im Gespräch mit textile network:

„Bekanntlich sind derartige Entwicklungen ‚Kinder‘ dieses Jahrzehnts; was mit Überlegungen beispielsweise bei Adidas begann, begeistert am Ende dieses Dezenniums nicht nur Techniker. Auch die – zugegebenermaßen noch wenigen – Kunden stehen wie jüngst in Berlin bei einer Präsentation fast kopfschüttelnd vor der digital vernetzen Maschinerie und sehen, wie ihr individueller Designentwurf, z. B. für Pullover oder das Schuhobermaterial, in knapp mehr als einer Viertelstunde vor Ort produziert wird.“

In Kundennähe produzieren

Der Textilmaschinenbauer Yves-Simon Gloy war als Doktorand am Textilinstitut Aachen dabei, als 2012/13 – angeregt durch den Sportartikelkonzern – mit der Speedfactory praktisch der erste Schritt ins 4.0-Neuland angedacht wurde. Drei, vier Jahre später wurde ebenfalls unter Mithilfe Aachener Textilforscher die erste deutsche Storefactory für Adidas in Berlin konzipiert. In sieben Schritten – vom 3D-Scan über Avatarerstellung bis hin zur Online-Typberatung, Shopping und Stricken des ausgewählten Modells – werden wahre technologische Wunder vollbracht. „Wir wollten damit beweisen, dass man auf diesem Hightech-Level nicht mehr unbedingt im fernen Asien, sondern direkt wieder in Kundennähe produzieren kann: schnell, individuell und ohne aufwendige Logistik quer um den Erdball.“

Voll-digitale und vernetzte Prozesse

Wer einmal diesen voll-digitalen und vernetzten Prozess, wie zum Beispiel am weltersten textilen Digital Capability Center in Kooperation zwischen McKinsey, der ITA Academy und dem Softwareanbieter PTC, gesehen hat, ahnt: Diese Technik wird im nächsten Jahrzehnt nicht nur den Textilmaschinenbau verändern. Dr. Gloy rechnet mit Blick auf dezentralisierte und zunehmend wieder regionale bis lokale Wirtschaftskreisläufe gerade bei diesen Systemtechnik-Anbietern mit Wachstumschancen. Durch 3D-Druck beispielsweise ließen sich im Vergleich zu herkömmlicher Maschinentechnik traditionelle Fertigungsschritte überspringen. Auf diese Weise vernetzte Maschinen für Losgrößen jenseits der Massen- und Volumenproduktion integrieren den Kunden vor Ort auf neue Art; kleine, individuelle designte Stückzahlen, passgerecht, schnell und nachhaltig produziert, seien die Folge. „Eine gewaltige Herausforderung ist jedoch dabei zu meistern: Noch sind die Kosten bei Losgröße 1 bis 100 oder 1.000 zu hoch …“.

Gloy, seit gut einem Jahr Forschungschef beim futureTEX-Clustermanager STFI, sieht, trotz vieler KMU-typischer Probleme und Herausforderungen rund um die Industriedigitalisierung, 4.0-Strukturen samt Microfactories auch auf dem Weg zu Mittelständlern. „Wir wollen mit Hilfe von futureTEX gerade den Textilunternehmen vor allem auch mit lokalen Lösungen beispielsweise aus den Bereichen 3D-Druck oder Robotik nachhaltig unter die Arme greifen und Anwendungssysteme praxisbezogen implementieren.“ In diesem Sinne solle futureTEXauch nach Auslaufen der Clusterförderung ein Inkubator für nachhaltige Strukturen in interessierten Unternehmen werden, betont Dr.-Ing. Yves-Simon Gloy.

Wie arbeiten Microfactories in der Textilbranche? Zu diesem Hauptthema der Texprocess bekommt der Messebesucher in wenigen Stunden an vier vernetzten Produktionslinien einen detaillierten Einblick.

In dieser Komplexität noch nie gezeigt

1: Die Digital Textile Micro Factory, die die DITF-Institute mit Industriepartnern am Main aufbauen, besteht aus drei Linien, auf denen Bekleidung, 3D-gestrickte Schuhe und technotextile Ausrüstungen hergestellt werden. Im Falle der Fashion-Linie hat der Kunde in Echtzeit direkten Einfluss auf die Gestaltung. Diese direkte Interaktion zwischen 3D-Simulation von Bekleidung, der Darstellung in VR/AR auf der Hardware des Kunden und direkter Produktion wurde so noch nie gezeigt.

Smarte Kissen zur Interaktion

2. Das Institut für Textiltechnik (ITA) der RWTH Aachen zeigt, wie in einer Smart Textiles Micro Factory ein mit LEDs bestücktes neuartiges Kissen mit allerhand Interaktionsmöglichkeiten hergestellt wird. Einer der beteiligten Partner kommt aus Südkorea.

World of Digital Fashion

3. Unter diesem Motto finden sich sechs Unternehmen aus Visualisierung, CAD-Schnittsystem, automatische Körpermaßermittlung sowie Zuschnitt- und Prozessautomatisierung zusammen. Im Mittelpunkt steht das Customizing von Bekleidung und Mode.

Individuell designtes Trikot

4. Die Micro Factory der Hersteller von Nähmaschinenantrieben (Efka) und CAD-Lösungen (Gemini) stellt eine teilautomatisierte Einstiegslösung für die Nähproduktion in den Mittelpunkt, die zahlreiche Unternehmen schon mit der vorhandenen Technik in Angriff nehmen könnten. Hergestellt werden Trikots, die individuell designt werden können.

Zu sehen auf der Techtextil+Texprocess (14. bis 17. Mai in Frankfurt a. M.) in den Hallen 4.0 und 4.1