20.07.20 – Teil 3: An einem Strang ziehen — read English version

The Future of Fashion: Wie eine andere Wertigkeit der Mode erreichen?

„Fair Fashion bedingt, an einem Strang zu ziehen. Entscheidend ist dabei, dass jeder viele kleine Schritte geht.“ Joachim Schirrmacher.

 

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Mode, die eine Patina entwickelt, von Flora Sophie Taubner und Lars Dittrich. 1. Preis FASH 2016, Studenten. © Franco P Tettamanti

 
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Mit 107 Strickmaschinen verfügt Marc Cain über eine der modernsten und innovativsten 3-D-Stricktechnologien der Welt. Dadurch ist das Unternehmen in der Lage, „100% Made in Germany“ zu produzieren, von glatter Rippe bis hin zum Zopfmuster in Handstrickoptik. © Marc Cain

 
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Wie sieht die Mode der Zukunft aus?

Das fragt das einflussreiche Magazine Textile View in elf Ländern von Japan über Frankreich bis USA. Für den deutschen Blick auf die Modebranche konnten wir mit Joachim Schirrmacher einen wahren Kenner der deutschen und internationalen Mode-Szene gewinnen und mit ihm ein dreiteiliges Sommer-Interview führen. Gemeinsam mit ihm warfen wir einen Blick auf die Zukunft der Branche.

Die Fragen für textile network stellte Chefredakteurin Iris Schlomski.

Teil 3: An einem Strang ziehen

textile network: Wird die Pandemie den von vielen ersehnten Wandel zu Fair Fashion beschleunigen?

Joachim Schirrmacher: Wir haben in der Corona-Krise gesehen, was wir als Gesellschaft gemeinsam erreichen können. Das macht Mut, dass Fair Fashion zum Standard für möglichst breite Schichten wird. Wir brauchen Kleidung für 7,8 Milliarden Menschen und keinen teuren Eco-Luxus für einige wenige.

Die größten Folgen auf nachhaltige Mode hatte wohl die Ölkrise 1973 und der Bericht vom Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ der ein Jahr zuvor erschien. Dies führte dazu, das hierzulande drei Männer handelten: Heinz Hess, Michael Otto und Klaus Steilmann, dem Gründer unserer Stiftung. Diese drei haben maßgeblich die heutigen Grundlagen einer nachhaltigen Mode gelegt. Aber alle drei waren Familienunternehmer, die investiert und auf Margen verzichtet haben. Heute sind die meisten Modeunternehmen im Besitz von Investoren und es gibt viele Ankündigungen oder kleine Vorzeigeprojekte. Wenn sie nachhaltig handeln, dann vor allem aus Risikomanagement.

Etwa Uniqlo die mit „LifeWear“ stilvolle Basics anbieten. Nachhaltiges Wirtschaften ist CEO Tadashi Yanai wichtig. Zugleich will er der größte Modeanbieter der Welt werden. Wie geht das zusammen? Wie kann Uniqlo seine Merino- und Kaschmirpullover nicht nur Container- sondern Schiffladungsweise herstellen? Woher kommen die Edelwollen in diesen Mengen? Das würde nicht nur ich sehr gerne wissen und mir ansehen. Doch bei Anfragen reagiert niemand. Schade, denn glaubhaft nachhaltiges Wirtschaften braucht auch Transparenz.

textile network: Wo sehen Sie Lösungsansätze?

Joachim Schirrmacher: Entscheidend ist, dass jeder viele kleine Schritte geht. Wir haben sehr oft die Wahl, als Konsument und im Beruf. Politisch wäre ein Verbot kostenloser Retouren so ein Schritt, der viel bewirken würde. Wir haben in der Krise gelernt, dass schnelles pragmatisches Handeln zählt und nicht alles hundertprozentig sein muss. Wenn die milliardenschweren Konzerne nur ein kleines Stück fairer und ökologischer handeln, dürfte es mehr Folgen haben, als wenn Kleinunternehmen hundertprozentig so wirtschaften. So ist die Mode von Haider Ackermann, Akris, Dries van Noten, Stella Mc Cartney oder Esther Perbandt selten zertifiziert aber so eigenständig, dass man auch in zehn Jahren noch Freude daran hat.

textile network: Mit der Neonyt findet hierzulande mit 220 Ausstellern immerhin die weltgrößte Messe für nachhaltige Mode statt.

Joachim Schirrmacher: Ja, das brachte viel frischen Wind mit Labels wie Armedangels und Lanius. Doch es sind meist kleine Anbieter. Die Szene öffnet sich nur langsam und der Marktanteil ist mit rund 3 bis 5 Prozent noch recht gering. Auch auf den Stoffmessen in München und Paris ist das Angebot immer noch eher begrenzt. Und das Mode- und Qualitätsniveau ist recht homogen. Fair Fashion ist vernünftig, sie ist teils auch stilvoll, aber es fehlt oftmals etwas ganz Entscheidendes. Mode lebt von Traum, Phantasie, Idealisierung, Identität, Freude an der Unvernunft und auch mal das Frivole. Leider fehlt oftmals die Story und Inszenierung als wesentlicher Teil einer Modemarke. Wie kann man Nachhaltigkeit eine andere Wertigkeit geben? Wie kann man Fair Fashion in Geschichte, Gesellschaft und Kultur verankern? Wo bleibt die Diana Vreeland der nachhaltigen Mode?

textile network: Was unternimmt die deutsche Bundesregierung, um Nachhaltige Mode zu fördern?

Joachim Schirrmacher: Wir vom FASH haben seit 2008 immer wieder versucht, die Politik und Verbände für das Thema Mode zu gewinnen. Vergeblich. Trotz über 100 deutschen Designschulen ist im Bundesministerium für Bildung und Forschung keiner für Design zuständig.

Einzig das Entwicklungsministerium hat gehandelt und die Initiative „Grüner Knopf“ gegründet. Minister Gerd Müller sind soziale Produktionsbedingungen eine Herzensangelegenheit. Doch damit gleiche Wettbewerbsbedingungen herrschen, brauchen wir europäische Gesetze. Sonst diktiert am Ende doch wieder nur der billigste Preis.

Auch hier kann die Politik vieles bewirken, wenn sie nur will. Dass Politik entschlossen und rasch handeln kann, haben wir in Deutschland in den letzten Wochen und Monaten alle erlebt.

Joachim Schirrmacher, vielen Dank für das Gespräch.

1. Teil Der Markt: Luxus, Street- & Sportswear

2. Teil Strategien: Kooperation von Design und Technik

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