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28.03.19 – Textilmessen Frühjahr/Sommer 2020 — read English version

Mit angezogener Handbremse

Die europäischen Textilmessen zur Saison Frühjahr/Sommer 2020 waren geprägt von drohenden Handelsbarrieren und getrübten Konjunkturaussichten.

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Stickerei im „Arts-and-Crafts“-Stil von Murarka (IND) auf der Texworld © Hövelmann

 
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Die Stoffe zum Sommer 2020 müssen optisch beeindrucken. Gesehen auf der Munich Fabric Start © Hövelmann

 
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Zudem hinterlässt das schlechte Wintergeschäft in der deutschen Konfektion tiefe Spuren.

Schon die leicht gesunkenen Besucherzahlen, die die europäischen Textilmessen Munich Fabric Start in München (D), Milano Unica in Mailand (I), Première Vision und Texworld in Paris (F) nach ihren jüngsten Veranstaltungen im Februar meldeten, zeugen von einem Markt, der die „Handbremse angezogen“ hat. Querbeet sprechen die Aussteller von viel „Verunsicherung“. Jede Insolvenz, die durch die Medien geht, wie zuletzt vom deutschen DOB-Unternehmen Gerry Weber, Halle, schürt diese von neuem. Jedes Designteam, das nicht mehr auf die Messe kommt, minimiert die Besucherzahlen.

„So etwas habe ich bisher noch nicht erlebt“, seufzte auf der Première Vision Paris ein erfahrener Vertriebsmann einer europäischen Weberei. Die Munich Fabric Start (über 1.000 Aussteller) meldete abschließend offiziell 19.800 Fachbesucher und damit ein Minus von 3 Prozent. Die Première Vision in Paris-Villepinte (1.782 Aussteller) registrierte offiziell 53.156 Besucher. Das bedeutet ein Minus von 2,3 Prozent, immer verglichen mit der Vorjahresmesse. Auf der Milano Unica in Milano-Rho (I) trafen 421 Ausstellern auf Vertreter von 6.000 Unternehmen. Konkretere Zahlen gibt es von Veranstalterseite nicht.

Problemfelder

In Deutschland machte zuletzt das schlechte Wintergeschäft so manche Umsatzplanung hinfällig. Aber auch international sprechen Weber wie KG Denim aus Indien in diesem Winter von einem ruhigeren Geschäftsverlauf. Aktuell sei „wenig Bewegung“ im Markt, hieß es auf der Munich Fabric Start. Zudem muss das indische Unternehmen im Vergleich zum Wettbewerber Pakistan deutlich höhere Zölle für die Lieferung von Ware, zum Beispiel in die Türkei verkraften, wo viele der europäischen Kunden produzieren lassen.

Ein anderer ständiger „Messebegleiter“ war der Brexit. 16 Prozent weniger Briten kamen beispielsweise zur Première Vision Paris. Ein Umstand, den die Veranstalter auf die Unsicherheiten des Marktes zurückführen, die mit einem drohenden Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union verbunden sind. Angesprochen auf dieses Szenario sah man bei den Ausstellern viel Schulterzucken. Die Diskussion um ein Thema, dessen Ausgang keiner kennt, erscheint vielen langsam als überflüssig. Doch die Sorgen sind greifbar. Für den Wuppertaler Spezialisten für Flechterei und Häkelei, Frieba, Textilwerk Carl Friedrich GmbH & Co., ist Großbritannien einer der wichtigsten Absatzmärkte. Uwe Hein leugnet nicht „eine gewisse Unsicherheit“, doch „Bangemachen“ lässt er nicht gelten. „Auch nach dem Brexit wird es weitergehen“, sagt Hein. Und irgendwie wirkt diese Gelassenheit eines Unternehmens, das im Sommer seinen 100. Geburtstag feiert, wie Baldrian in einem nervösen Markt.

Sourcing neu denken

Auch die irritierende amerikanische Handelspolitik sorgt für viel Betriebsamkeit. Produktionsländer wie Peru, Kolumbien, Mexiko, aber auch Pakistan suchen verstärkt die wirtschaftliche Nähe zu Europa. Darauf verweist Yvan Dacquay, der den Bereich Manufacturing – Overseas (37 Aussteller) der Première Vision Paris verantwortet. Die Anmeldezahlen von Unternehmen aus diesen Ländern waren zuletzt deutlich gestiegen. Dagegen ersetzen Äthiopien, Kambodscha und Vietnam zunehmend China als Billigproduzenten, auch weil enorme Fortschritte in Processing wie auch Design zu verzeichnen seien, so Dacquay. Die äthiopische Regierung hat beispielsweise ein Programm für die heimische Textil- und Bekleidungsindustrie aufgesetzt, das bis 2022 350.000 Arbeitsplätze (150 Firmen) in diesem Sektor schaffen soll und ist schon jetzt für Investoren aus der Türkei, China und Indien attraktiv, hört man von der Texworld und seinem Veranstalter Messe Frankfurt France. Auch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) soll hier mit Rückendeckung des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützend wirken. Fünf äthiopische Textilunternehmen präsentierten sich dieses Mal auf der Texworld (1.000 Aussteller) in Paris-Le Bourget.

Neue Business Modelle

„Die Branche sucht neue Wege“, resümiert Sebastian Klinder, Geschäftsführer der Munich Fabric Start, im Abschlussbericht zur vergangenen Veranstaltung und stellt fest, dass „Process Engineering und Synergien“ immer mehr das moderne Messegeschäft beeinflussen. Bei Getzner, dem österreichischen Spezialisten für Hemden- und Blusenstoffe, ist man zudem hoch erfreut, dass das Thema Nachhaltigkeit endlich „richtig“ im Markt angekommen ist. Fragen zur konkreten Implementierung von Zertifizierungen, aber auch das Sourcing nach den richtigen Artikeln, über die die zertifizierte Qualität an den Kunden gebracht werden kann, nimmt die Konfektion mittlerweile als zentrale Aufgabenstellung an. Dies bestätigt Dagmar Signer, Marketingleiterin beim Schweizer Unternehmen Schoeller Textiles und verweist ergänzend auf den Themenkomplex Kreislaufwirtschaft, der von der Faser bis hin zu Leasingteilen auf Industrieebene immer stärker als Gemeinschaftsaufgabe in unterschiedlichen Kooperationen angegangen wird.

Regine Hövelmann