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27.10.15 — read English version

Blackbox Lieferkette

Solange die Produktion von Textilien durch die Auslagerung von Prozessen eine Blackbox bleibt, ist Nachhaltigkeit in der Textilbranche ein Lippenbekenntnis und die textile Lieferkette für Hersteller ein unkontrollierbarer Risikofaktor. Transparenz in der textilen Lieferkette herzustellen, ist eine der großen Zukunftsaufgaben der Textilbranche.

Photo: H&M

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Leichter gesagt als getan: Von der Baumwolle über die Färbe- und Veredlungsprozesse bis hin zur Konfektion ist es ein langer Weg. Transparenz in...

Leichter gesagt als getan: Von der Baumwolle über die Färbe- und Veredlungsprozesse bis hin zur Konfektion ist es ein langer Weg. Transparenz in der Lieferkette herzustellen, ist für viele Unternehmen durchaus herausfordernd Photo: H&M

 
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Eine Herausforderung, der sich immer mehr Unternehmen annehmen. Die Lösung lautet Transparenz der Lieferkette: Das herzustellende Produkt muss dazu (gedanklich) in seine Einzelteile zerlegt, die einzelnen Schritte der Herstellung bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgt werden, die Ergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Im Wesentlichen geht es um die drei Kernthemen Lieferantenmanagement, Chemikalienmanagement, Verbraucherkommunikation. Je komplexer und weiter verzweigt die Materialflüsse, desto größer die Herausforderung.

Für ein Unternehmen wie z.B. Marc Cain, das sicher auch aus diesem Grund einen großen Teil seiner Produktionskette in Europa durchführt, ist es vergleichsweise leicht die Produktion zu durchleuchten. Stoffe, Gewebe, Jerseys und Strickgarne kommen direkt aus Italien. Verstrickt und veredelt und gedruckt wird am Firmensitz in Bodelshausen. Die Endkonfektion erfolgt in Partnerbetrieben in Rumänien und Ungarn. Was den Einsatz von Chemikalien oder die Entlohnung von Mitarbeitern betrifft, gilt die europäische Gesetzgebung. Für einen großen Teil der textilen Wertschöpfungskette ist es für Marc Cain also recht einfach Transparenz herzustellen.

Kaum zu vergleichen mit einem Fast-Fashion-Anbieter wie H&M. Während in den Konfektionsbetrieben von Marc Cain rund 2.000 Mitarbeiter beschäftigt sind, arbeiten in Nähereien in Europa und Asien etwa 1,6 Millionen Menschen mittelbar im Auftrag des schwedischen Modefilialisten. Das Lieferanten- und Chemikalienmanagement bei 900 Lieferanten mit 1.900 Fabriken in China, Bangladesch, Indien etc. hat fraglos eine völlig andere Dimension. Und hier ist lediglich die Rede von Tier 1, der ersten Stufe in der Lieferantenpyramide.

In der Textilbranche ist ein Paradigmenwechsel notwendig, sagte kürzlich Karl Borgschulze von Consulting Service International in Hongkong auf dem Infotag CSR und Nachhaltigkeit vom DTB - Dialog Textil und Bekleidung in Aschheim. Neue Vertriebswege, steigende Anforderungen von Umwelt- und Sozialstandards, sich verändernde Mode- und Entwicklungszyklen und der enormen Preis- und Finanzdruck - die Textilbranche stehe vor großen Herausforderungen.

Der Paradigmenwechsel bestehe darin, Anforderungsprofile entlang der Wertschöpfungskette zu managen. Für Borgschulze ist Transparenz über die eigene Produktion zukünftig Voraussetzung für jegliche Beschaffungswege. Hierzu beschreibt er einen 5-stufigen Prozess: Herstellung von Transparenz, Definition der Anforderungen, Monitoring, Qualifikation und Dokumentation.

Meilensteine in Sachen Transparenz haben zuletzt H&M und Jack Wolfskin erreicht. Jack Wolfskin gibt seit einiger Zeit auf seiner Website nicht nur seine Lieferanten, sondern auch sämtliche Ergebnisse der Auditierungen bekannt. H&M überraschte im vergangenen Jahr mit der Offenlegung seiner Konfektionäre. Nun sind die Schweden noch einen Schritt weiter gegangen und haben ihre wichtigsten Tier 2-Lieferanten veröffentlicht – also die Spinnereien und Webereien. Transparenz bezeichnete H&M CEO Karl-Johan Persson in einem Interview anlässlich des aktuellen H&M Nachhaltigkeitsbericht als „den Ausgangspunkt für Veränderungen in einem Unternehmen“.

Bis zur vollständigen Transparenz der textilen Wertschöpfungskette ist es für die Modebranche allerdings noch ein langer Weg. Doch herrscht Konsens darüber, dass dieser Weg Schritt für Schritt gegangen werden muss. Transparenz als Ausgangspunkt für mehr Nachhaltigkeit in der Textilbranche ist keine Frage des Könnens oder Wollens, sondern eine Grundvoraussetzungen, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein.

[Jana Kern]

Initiativen, Standardgeber und Campaigner wie die Business Social Compliance Initiative (BSCI), die Fair Wear Foundation, die Sustainable Apparel Coalition oder das deutsche Textilbündnis genauso wie der Global Organic Textile Standard (GOTS), ZDHC und Bluesign und nicht zuletzt Greenpeace mit der Detox-Kampagne. Jede dieser Initiativen hat in den vergangenen Monaten einen großen Zulauf erfahren. Ein Indiz dafür, dass sich immer mehr Unternehmen ernsthaft mit der Schaffung von Transparenz in ihren Lieferketten auseinandersetzen.

In dieser Serie sind bereits erscheinen:

Teil 1 „Nicht ob, sondern wie“ (Bündnis für nachhaltige Textilien)