15.09.21 – Im Gespräch mit Joachim Hensch

Visionen wahr machen

textile network-Korrespondentin Yvonne Heinen-Foudeh wollte von dem einzigen wahren Protagonisten für die Umsetzung einer ersten digitalen schlanken Fabrik für Mode unter realen industriellen Bedingungen lernen.

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Protagonist in Sachen Smart-Factory-Anwendungen unter realen industriellen Bedingungen: Joachim Hensch. © Yvonne Heinen-Foudeh

 
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Die Nutzung kontinuierlicher Datenströme zwischen vernetzten Produktionssystemen verkürzt die Markteinführungszeit bei Hugo Boss und ermöglicht eine optimale Anpassung an Verbrauchertrends. Bild: Hugo Boss-Laden in Soho/New York © Hugo Boss

 

„Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen“, hat Helmut Schmidt gesagt. Wenn Joachim Hensch über den Digitalisierungsprozess in der Mode spricht, ist die Vision zur Realität geworden.

Und ja, Hensch weiß auch wie Storytelling geht: Wenn er über die Anwendung von künstlicher Intelligenz, von Robotics, vom Digital Twin als elementarer Voraussetzung jeder Smart Factory plaudert, über vereinfachte IT-Zugriffe, Spracherkennung als Steuerungs-Tool, modular flexible Systeme philosophiert, seine Visionen mit Videos, Grafiken, aber auch Cartoons vermittelt, dann ist das Edutainment vom Feinsten.

Dazu gehören eben auch die Anekdoten von Rückschlägen, vom Erfindergeist bei technischen Lösungen, die der Markt noch nicht hergibt – das getaktete Management der Projekte entlang des Scrum-Modells. Wenn Joachim Hensch weiter zum Einsatz aktiver digitaler Assistenten (Chatbots) vorträgt, die bei der Datenabfrage und der Bevorratung von Informationen helfen, von AR/VR (Augmented/Virtual Reality) zur Analyse von Arbeitsgängen vor Maschinenentwicklungen und zum Mitarbeiter-Training – dann ist all dies eine wahre – seine Geschichte.

Hugo Boss Group heißt das Unternehmen, das seinen Vorschlag zur Initiative aufgriff, sich auf das Abenteuer einließ. Besucher bei Boss in Izmir – darunter die Chronistin – konnten sich davon überzeugen, smarte Organisationen auf dem Wege zur Industrie 4.0 sind umsetzbar – auch in der Bekleidungsfertigung.

Joachim Hensch ist der Protagonist, unter dessen Leitung die erste Smart Factory-Anwendung in der realen Welt der Bekleidungsfertigung wahr wurde. „Natürlich hatten wir auch Rückschläge hinzunehmen über den mehrphasigen Entwicklungsprozess von IT- und auch mechanischen Lösungen, hatten diverse Herausforderungen zu stemmen, neu zu denken über die gesamte Implementierung hinweg”, führt der profunde Experte bei ganzheitlichem Wissen rund um Bekleidungsherstellung und Technologie im Zoom-Meeting aus.

Vorbild der globalen Bekleidungsindustrie

Ein Glücksfall, den der HAKA-Tycoon, nicht bereut haben dürfte: In seiner Funktion als Managing Director des Boss-Produktionsstandorts Izmir, wo auf einer Fläche von rund 65.000 qm mit rund 3.800 Mitarbeitern Anzüge, Sakkos, Hemden und Mäntel gefertigt, ferner und kommissioniert werden, konnte sich der gelernte Maßschneider mit dem Rüstzeug seiner Branchen-Stationen über die Jahre in Entwicklung und Produktion ans Werk machen: „Mein Team und ich, wir haben fünf Jahre gebraucht, den konventionellen Betrieb in Izmir in eine waschechte Smart Factory zu verwandeln“, erklärt Hensch, „um die gesamte Ablauforganisation flexibel und reaktiv abzubilden mittels Umsetzung von Industrie 4.0-Maßnahmen.“ Sprachs und schenkte uns noch ein sympathisches Lächeln, als wir nach der Höhe des Investments fragen.

Das Ziel ist erreicht: Der Marktführer bei Herrenbekleidung belegt, wie Industrie 4.0 in der Praxis aussehen kann – mit vernetzten Maschinen, tiefgreifenden Datenanalysen und flexiblen Prozessen. Weit wichtiger: Beste Bereitschaft für ein hochvolatiles, anspruchsvolles und schnelllebiges Marktumfeld. „Und ist nach Ihrer realistischen Einschätzung die Amortisation erreichbar, Herr Hensch?“, haken wir nach. „ROI hatten wir 18 Monate nach Projektabschluss erzielt.“

Abgesehen von Hugo Boos, wer ist Ihrer Meinung nach heute führend in der intelligenten Fertigung? – wollen wir wissen. Sind einige geografische Gebiete anderen voraus? „Es gibt einige im asiatischen Raum, und ich spreche nicht nur von China“, betont Hensch. „Ohne Namen von Klienten nennen zu können, kann ich sagen, dass die größte Nachfrage derzeit aus Bangladesch, Indien, Pakistan und Sri Lanka kommt. Dies sind die Länder, die bereits heute mit Smart-Factory-Anwendungen arbeiten.”

Symbole der Machbarkeit

Auch das ist gewiss eine Indikation für das langsame, aber sichere Dahinschmelzen der Massenproduktion klassischer Prägung, wenn die Big Player in Südwestasien sich heute mit digitaler und leaner Bekleidungsfertigung befassen.

Das Thema Smart Factory ist zwar in aller Munde, Laborinstallationen waren vor der Pandemie auf Tech-Messen zu bestaunen. Für die Branche bleibt jedoch der Sprung von der traditionellen Automatisierung hin zu einem vollständig vernetzten und flexiblen System bis dato Zukunftsmusik – zumindest in der westlichen Hemisphäre.

Asiens E-Commerce-Riese Alibaba unterhält die Smart Manufacturing Business-Initiative in der ostchinesischen Stadt Hangzhou. Hört man, Besucher kennen wir keinen. Wundern würde es aber sicher wenige, wenn auch Amazon weiterhin an ähnlichen Projekten arbeitet. Weder an technischem Know-how noch an den Budgets für Fashion Smart Factories dürfte es auch den drei anderen Internet-Giganten des GAFA-Clubs (Google, Apple, Facebook und eben Amazon) kaum fehlen. Mit dem Bedarfs- und Lifestyle-Gut Mode liebäugeln sie allemal. Und Kreativität kann man zukaufen.

Doch vom Reich der Mutmaßungen zurück zur Realität: Und wie geht’s bei Ihnen weiter Joachim Hensch?

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