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28.06.17 – 25 Jahre Oeko-Tex — read English version

Interview: Ist unser Planet noch zu retten?

Wenn ja, was muss sich ändern? textile network sprach mit Georg Dieners, Generalsekretär der Oeko-Tex Gemeinschaft und erhielt interessante Einsichten.

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Georg Dieners lenkt seit zwei Jahren die Geschicke der Oeko-Tex Gemeinschaft. Für textile network hat sich der gebürtige Deutsche viel Zeit genommen und Fragen über das Oeko-Tex Portfolio hinaus zum Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit beantwortet. Ob wir seiner Ansicht nach tatsächlich unseren Planeten noch retten können und was sich dazu in der textilen Welt dringend ändern müsste, lesen Sie in unserem Exklusiv Interview © Oeko-Tex

 
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Georg Dieners (rechts) bei der Zertifikatübergabe mit Stefania Assoni (Savaré I.C. S.r.l. R&D Senior Project Manager) und links: Grazia Cerini (Centrocot General Manager) © Oeko-Tex

 

Herr Dieners, 25 Jahre Oeko-Tex! Vieles hat Oeko-Tex seitdem bewegt und vielleicht ist die textile Welt seitdem auch ein bisschen besser geworden. Dennoch: angesichts der global betrachtet weiterhin fortschreitenden Umweltverschmutzung, sind die Zertifizierungen da nicht ein eher hilfloses Unterfangen?

Georg Dieners: Was nachhaltige Produktion angeht, steht der Markt tatsächlich noch am Anfang. Was sich allerdings schneller entwickelt, ist die kritische Wahrnehmung der Konsumenten. Berichte über tragische Vorfälle wie der Gebäudeeinsturz in Rana Plaza und Bilder über verschmutzte Flüsse verändern das Bewusstsein der Menschen. Mit unseren Zertifikaten möchten wir die Industrie dabei unterstützen ihre Herstellungsprozesse transparenter und nachhaltiger zu gestalten, um genau diesen Bildern entgegenzuwirken. Daher bieten wir ihnen zum Beispiel unser „Made in Green“ Label an. „Made in Green“ verbindet die Schadstoffprüfung nach Standard 100 und eine nachhaltige Produktion in umweltschonenden Betrieben sowie unter sozialverträglichen Arbeitsbedingungen. Auf diese Weise hat die Textilbranche eine gute Möglichkeit, ihren Konsumenten ein sicheres Gefühl zu geben. Ich denke jedes Unternehmen, das etwas zum Schutz unseres Planeten, seiner Mitarbeiter und seiner Kunden unternimmt, ist auf dem richtigen Weg. Zertifizierungen wie unsere, tragen in diesem Kontext wesentlich dazu bei, dieses Engagement anschaulich und überprüfbar zu machen.

Die Mehrheit der Textil- und Bekleidungsindustrie wandert mit der Produktion immer dorthin wo sich noch billiger produzieren lässt – mitunter sehenden Auges zu Lasten des Umweltschutzes. Sehen Sie Wege wie dem entgegengewirkt werden könnte?

Georg Dieners: Es ist doch so: Eine nachhaltige Produktion muss nicht zwangsläufig teurer sein. Wenn Betriebe zum Beispiel ihren Verbrauch von Wasser reduzieren, weniger Chemikalien verwenden, ihre Prozesse beherrschen und ganz generell weniger Abfall erzeugen, dann sparen Sie durch diesen effizienteren Energieverbrauch langfristig sogar Geld ein. Genauso ist es mit dem Faktor Mensch. Fair entlohnte Angestellte, die unter sicheren Bedingungen arbeiten, sind motivierter. Dafür muss es aber Produzenten und Marken geben, die die Vorreiterrolle übernehmen und sich trauen etwas zu verändern. Außerdem muss Eco Fashion den Anstrich verlieren, nicht am Puls der Zeit zu sein. Am Ende ist es wichtig und es sollte selbstverständlich sein, dass auch das umweltschonend und sozial fair produzierte Produkt dem Verbraucher gefällt.

Seit Jahren schon warnt der WWF davor, dass wir jedes Jahr 50 % mehr an Ressourcen verbrauchen, als die Erde innerhalb dieses Zeitraums regenerieren kann. Textil/Bekleidung ist weltweit eine der bedeutendsten Konsumgüterindustrie und hat folglich einen großen Anteil am globalen Ressourcenverbrauch. Eine Kehrtwende ist nicht in Sicht. Was müsste geschehen, um nachhaltig ein bewussteres Handeln zu etablieren?

Georg Dieners: Verbraucher müssen sich im Klaren darüber sein, wo ihre Textilien herkommen und wie sie hergestellt werden. Für die Produktion eines T-Shirts beispielsweise werden 2700 Liter Wasser verbraucht, für die Herstellung einer Jeans rund 7000 Liter. Es ist wichtig, dahingehend weitere Aufklärungsarbeit zu leisten. Erst wenn die Nachfrage und das Bewusstsein von Verbraucherseite noch weiterwächst, wird auch die Industrie umfassend handeln.

Umweltschutz kostet Geld – diese Meinung ist weit verbreitet. Was antworten Sie?

Georg Dieners: Sicherlich müssen Firmen erst einmal investieren, um ihre Produktion nachhaltiger zu gestalten. Langfristig arbeiten sie dafür aber effizienter und sparen dadurch dauerhaft Ressourcen und damit Geld wieder ein.

25 Jahre Oeko-Tex– inzwischen gibt es zahlreiche weitere „Öko-Labels“ auf dem Markt. Weshalb? Wo hat das Oeko-Tex Zertifikat seine Grenzen?

Georg Dieners: Wir haben 1992, als die ersten Berichte über chemische Schadstoffe in Textilien aufkamen, mit unserem Standard 100 begonnen, Produkte auf Schadstoffe zu überprüfen. Das war damals wichtig, um die verunsicherten Kunden und die ebenfalls verunsicherte Industrie wieder zusammenzubringen. Aber die Ansprüche des Markts sind vielfältig geworden. Mittlerweile geht es eben auch um Themen wie Umweltschutz und soziale Fragen. Deshalb haben wir inzwischen ein wirklich breites Produktportfolio im Angebot, mit dem wir alle diese Belange abdecken können. Es gibt in diesem Sinne also nicht mehr nur das eine Oeko-Tex Zertifikat, sondern für alle Ansprüche die richtige Lösung und ich bin der Meinung, dass wir das umfassendste System auf dem Markt haben. 

Wenn Sie einen Wunsch für die Zukunft der textilen Welt frei hätten. Wie würde dieser lauten?

Georg Dieners: Ich würde mir wünschen, dass unsere Bemühungen eine nachhaltigere Produktion zu etablieren, von der Textilbranche angenommen und umgesetzt wird und dass sich immer mehr Menschen darauf verlassen können, mit einem Textil, das „Made in Green“ gelabelt ist, sozialverantwortlich zu handeln und eine gute Entscheidung für unsere Umwelt zu treffen.

Herr Dieners, herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Fragen für textile network stellte Iris Schlomski

Über Georg Dieners

Seit Januar 2015 ist Georg Dieners als Generalsekretär der Internationalen Oeko-Tex Gemeinschaft tätig. In dieser Position hat er den Ausbau und die Entwicklung des aktuellen Produktportfolios der Oeko-Tex Gemeinschaft wesentlich mit begleitet und setzt sich dafür ein, dass Unternehmen nachhaltigere Prozesse etablieren.

Er unterstützt die Gemeinschaft außerdem dabei, die Verbindung mit staatlichen Einrichtungen, Initiativen und Handelsverbänden zu festigen. Aktuell arbeiten 10.000 Textilhersteller, Marken und Händler in rund 100 Ländern mit Oeko-Tex zusammen, um sicherzustellen, dass ihre Produkte auf schädliche Inhaltstoffe überprüft wurden und um eine umweltfreundlichere, sozialverträgliche Produktion aufzubauen. Als Abgänger der Fachhochschule Niederrhein - mit Fokus auf Textiltechnologie und Textilveredlung – sowie mit zahlreichen Jahren Erfahrung in verschiedenen Managementpositionen der Textilbranche, bringt Georg Dieners großes Know-how für seine Rolle als Generalsekretär der Oeko-Tex Gemeinschaft mit.

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