Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit der Verwendung von technisch notwendigen Cookies einverstanden. Die Website verwendet außerdem Tracking Cookies, um die Nutzung durch Besucher besser zu verstehen und eine bessere Bedienbarkeit zu erreichen. Diese können Sie hier deaktivieren. Mehr dazu in unserer  Datenschutzerklärung.

02.08.19 – Neues Schusseintragsverfahren war Publikumsmagnet — read English version

ITMA: Innovation trifft klassische Webverfahren

Von bis 20. bis 26. Juli fand in Barcelona die ITMA 2019 statt. Präsentiert wurden innovative und zukunftsfähige Konzepte für den Textilmaschinenbau.

Highlight-ITEMA-auf-der-ITMA.jpg

Ein Highlight stellt die Webmaschine „Discovery“ mit dem neuen Schusseintragssystem von ITEMA dar. Zu jeder Vorführung war diese Maschine dicht umlagert. © Alexander Büsgen

 
Webmaschinen-Techtextil.jpg

Die Aussteller von Webmaschinen erfreuten sich eines regen Interesses an allen Messetagen. © Alexander Büsgen

 

Mit einer Ausstellungsfläche von 114.500 qm war die ITMA 2019 noch einmal um 9 Prozent gegenüber der vorigen Messe in Mailand gewachsen. Die 105.000 Besucher aus 137 Ländern zeigen, dass die Leitmesse des Textilmaschinenbaus aktuell sicher nicht vom Aussterben bedroht ist. Für den Bereich der Weberei stellten 182 Unternehmen ihre neueste Technologie vor. Sie erfreuten sich an einem auffallend regen Publikumsverkehr vom ersten bis zum letzten Messetag.

Faustdicke Überraschung

Wer zur ITMA 2019 mit der Erwartung nach Barcelona gereist war, dass sich die Weberei auf das Thema Industrie 4.0 fokussieren würde, durfte eine faustdicke Überraschung erleben. Ein neues schützenloses Schusseintragssystem, entwickelt von der italienischen ITEMA-Gruppe, stahl den unzähligen Industrie 4.0-Innovationen buchstäblich die Schau. Und der „flying shuttle“ war nicht die einzige nennenswerte mechatronische Innovation. Das Smart Creel der van de Wiele-Gruppe könnte die Kettbaumherstellung in Zukunft wenigstens teilweise ablösen. Ebenso könnten viele Nähmaschinen abgelöst werden, denn Stäubli präsentierte auf einer Jacquardmaschine 3D-gewebte Bekleidung, ähnlich wie es die Flachstrickmaschinen schon seit geraumer Zeit können. So rückte das eigentliche Leitthema der Messe, die Digitalisierung der Textilmaschinen, in den Hintergrund. Zum Glück, wird mancher Besucher gedacht haben. Denn nicht alles, was hierzu gezeigt wurde, konnte wirklich überzeugen.

Quo vadis europäische Hersteller?

Übernahmen und ein damit einhergehender Schwund an Ausstellungsfläche europäischer Hersteller kennzeichnen die Webereivorbereitung auf der ITMA schon seit geraumer Zeit. Jüngstes Beispiel ist der Kauf der SSM Textilmaschinen durch den Rieter Konzern, auf dessen Messestand die SSM-Spulmaschinentechnologie jetzt zu finden war. Als Premiere stellte SSM „Preciforce“ vor, eine neue Anpresskraftregelung, die mit Kräften schon ab 200 g arbeiten kann und somit besonders weiche Spulen erzeugt.

Ein interessanter Ansatz für cloud-basiertes Qualitätsmanagement stellt Proactive Warping von Karl Mayer dar. Wenn der Kunde seine Produktionsdaten zur Kettbaumherstellung in die cloud des Unternehmens hochlädt, werden durch die Experten bei Karl Mayer Bewertungen und QM-Protokolle erstellt, die zusammen mit Verbesserungsvorschlägen für den nächsten Kettbaum zurück zum Kunden gehen. Sollten die jetzt anlaufenden Prototypversuch erfolgreich sein, entsteht so eine stetig an Qualität dazulernende „Experten“-Schärmaschine.

Die Frage, ob in Zukunft Webmaschinen überhaupt noch Kettbäume benötigen, wurde von van de Wiele mit dem Smart Creel aufgeworfen. Auf kleinstem Raum konzentriert jedes Spulengattermodul 1.600 Kettfäden, die mit einer neuen, individuellen Spannungsregelung der Webmaschine zugeführt werden. Während die Webmaschine läuft, spulen ein oder mehrere Roboter stetig bis zu 1.300 m auf die auslaufenden Spulstellen eines Moduls. Auch kleinste Mustermetragen lassen sich damit offenbar vollautomatisiert abweben. Ursprünglich stammt das Konzept aus der modernen Axminstermaschine, die von van de Wiele 2007 in München präsentiert worden war. Die Weiterentwicklung führte über Samt- und Teppichwebmaschinen nun erstmals zu den Webmaschinen für Flachgewebe. Die Testphase dieses Konzeptes wird zeigen, ob und für welche Anwendungen die Kettbaumherstellung tatsächlich ersetzt wird.

Publikumsmagnet: das neue schützenlose Schusseintragssystem der ITEMA Gruppe

Der Publikumsmagnet in der Webereiausstellung war eindeutig das neue schützenlose Schusseintragssystem der ITEMA Gruppe. Die „Discovery“, eine knallrot lackierte Webmaschine, präsentierte (nur) zweimal pro Tag einen fliegenden Greiferkopf mit positiver Schussfadenübernahme. Die staunende Besuchermasse, die sich jedes Mal vor dieser Maschine drängte, konnte freilich keine Details erkennen, wenn der „flying shuttle“ 350 Mal pro Minute über die 400 cm breite Maschine flog. Angefangen hat diese Entwicklung nur vier Jahre zuvor nach der ITMA 2015 in Mailand. Das Verfahren erinnert an den Projektilschusseintrag: Ein Servomotor beschleunigt den fliegenden Greiferkopf, Führungszähne leiten ihn durch das Webfach, ein Fangwerk nimmt ihn an der rechten Seite in Empfang und der Rücktransport zur Abschussseite ermöglicht einen Kreislauf von aktuell sieben dieser Geschosse.

Christian Straubhaar, Marketingleiter der ITEMA-Gruppe:

„Die programmierbare Beschleunigung gleicht einem Billiardkugelstoß, der den 40 cm langen Shuttle besonders energiesparend einträgt. Damit werden Denimgewebe mit der Qualität von Projektilwebmaschinen bei geringeren Kosten möglich.“

Obwohl das Unternehmen die Anwendung dieser neuen Technologie hauptsächlich bei der Fertigung von Denimgeweben verortet, lassen die hohe Flexibilität der Fadenaufnahme durch Greifer und die individuelle Justierbarkeit der Beschleunigung ausreichenden Raum, um sich noch weitere Anwendungen vorzustellen. In zwei bis drei Jahren soll die Maschine in den Verkauf gehen. Und natürlich will man die Leistung über 400 U/min hinaus steigern. Die kleine terminologische Verwirrung, die ein schützenloses Eintragsverfahren erzeugt, das „flying shuttle“ genannt wird, taugt dagegen nur für eine Randnotiz.

Kantenverluste minimieren

Schon einmal haben sich die Webmaschinenhersteller darum bemüht, die Kantenverluste zu minimieren. Auf dieser ITMA wurde das bisher noch nicht zufriedenstellend gelöste Thema von vielen Ausstellern erneut und ernsthaft angegangen. Ein vorbildliches Beispiel stellt der Dornier Weft Saver (DWS) von Dornier dar. Präzise Fadenklemmen holen den Schuss an der Schere ab, während er durch Pulsar zum Vorspulgerät zurückgezogen wird. Bei einer 2,2 m breiten Maschine sind so, laut Dornier, etwa 6 bis 10 cm Einsparungen möglich.

Ein großer Schritt hin zur Digitalisierung der Webmaschine ist der Einsatz von Servomotoren zur Fachbildung. Bisher waren hierzu nur Webmaschinen für technische Textilien und Toyota mit seinem e-shedding zu sehen. Nun präsentierte auch Picanol gleich auf mehreren Maschinen diese Art der Fachbildung. Vorrangig geht es Picanol darum, den bisher üblichen mechanischen Einstellvorgang der Fachbildevorrichtung durch eine digitalisierte Form zu ersetzen. Wenn die Anzahl der verwendeten Schäfte nicht zu groß wird, soll auch der Energieverbrauch der Servomotoren nicht wesentlich höher als der einer konventionellen Schaftmaschine sein.

IoT – das Internet der Dinge

Überhaupt hatte sich die Webmaschinenindustrie intensiv mit Aufgaben rund um das Internet der Dinge, der Digitalisierung und des cloudbasierten controlling gekümmert. Auffällig waren dabei die Zurückhaltung und die Vorsicht, mit der die Ergebnisse den Besuchern präsentiert wurden. Die zahlreichen Konzepte, mit denen Maschinen online überwacht, gewartet oder bezüglich der Warenqualität verbessert werden, waren überwiegend Vorschläge, die eine Grundlage zur Diskussion mit Kunden bildeten. Ganz besonders kritisch sind immer wieder der Umgang und die Speicherung von artikelspezifischen Daten der Kunden. Die Besucher, welche die fragwürdige Sicherheit von Daten im Internet längst aus anderen Bereichen gut kennen, dürfte das nicht verwundert haben. Am Ende bleibt als Eindruck zurück, dass sich heute der Webmaschinenbau eher mit kreativen Ingenieurleistungen weiterentwickelt, als mit dem Internet und neuen Medien.

Prof. Dr. Alexander Büsgen

Hochschule Niederrhein

Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik