15.01.26 – Interview mit Michael Waupotitsch, Vice President Textile Recycling bei der Andritz AG — read English version
So schonen Modemarken wertvolle Ressourcen
Mit jahrzehntelanger Praxis im Textilrecycling verfügt die Andritz-Gruppe über die Erfahrung und modernste Lösungen, um das enorme Potenzial der Rückgewinnung freizusetzen. Wie der Abschied von der Rohstoffverschwendung in der Praxis aussieht, erläutert Michael Waupotitsch, Vice President Textile Recycling bei der Andritz AG.
textile network: Herr Waupotitsch, aktuell werden von den 92 Millionen Tonnen Textilabfällen weltweit nur 12 % recycelt und weniger als 1 % zu neuer Kleidung verarbeitet. Wo sehen Sie die größten technologischen und wirtschaftlichen Hürden, die einem flächendeckenden Textilrecycling im Weg stehen? Und wie adressiert Andritz diese konkret?
Michael Waupotitsch: In technischer Hinsicht stellt uns das Material vor mehrere Herausforderungen: Alttextilien sind ein breites, inhomogenes Gemisch. Die Textilien bestehen aus unterschiedlichen Arten von Geweben und meist auch aus mehreren verschiedenen Fasertypen. Synthetik-Fasern wie Polyester, Polyamid oder Elastan kommen darin ebenso vor wie die Naturfasern Wolle oder Baumwolle sowie künstlich hergestellte Zellulosefasern. In einem Kleidungsstück kommen diese Fasertypen meist in einer Mischform vor, wie beispielsweise das weit verbreitete Polycotton, also eine Mischung aus Polyester und Baumwolle. In wirtschaftlicher Hinsicht sind Anreize zu einer flächendeckenden Umsetzung des Textilrecyclings noch nicht in hinreichendem Maße gegeben.
Adritz verfügt über eine Vielzahl von Lösungen und Kooperationspartnern, die die gesamte Wertschöpfungskette des Textilrecyclings von der Rückgewinnung von Fasern für die Herstellung von neuem Garn abdecken. Dazu gehören die automatische Sortierung von Alttextilien, die Vorbereitung von Textilfasern für die weitere Bearbeitung und innovative Lösungen für mechanisches sowie chemisches Recycling zur Etablierung einer Kreislaufwirtschaft.
textile network: Mischgewebe gelten als besondere Herausforderung im Recycling. Von Circ haben Sie kürzlich einen Engineering-Auftrag für eine großtechnische Anlage erhalten, die erstmals Baumwolle und Polyester aus gemischten Textilabfällen zurückgewinnen soll. Können Sie uns erklären, wie dieser Prozess funktioniert und welches Potenzial diese Technologie für die Modebranche hat?
Michael Waupotitsch: Der innovative Recyclingprozess von Circ kann Polycotton-Textilabfälle in ihre ursprünglichen Bestandteile – Polyester und Baumwolle – zerlegen. Durch ihre Wiederverwendung wird sich der Bedarf an neuen Rohstoffen reduzieren. Die Zerlegung der Polycotton-Textilabfälle in ihre ursprünglichen Bestandteile erfolgt dabei unter Druck und Temperatur, wobei man Polyester in Lösung bringt und es dann von den verbleibenden Cellulose-Fasern trennen kann. Mit unserer Technologie und unserem Know-how unterstützen wir Circ dabei, ihre Idee auf ein industrielles Level zu heben. Außerdem bringt Andritz natürlich viel Erfahrung und Expertise aus der Herstellung und Aufbereitung von Cellulose-Fasern mit.
textile network: Andritz bietet sowohl mechanisches als auch chemisches Textilrecycling an. Für welche Art von Textilabfällen und Anwendungsfälle eignet sich welcher Ansatz besser? Und wie entscheiden Modemarken, welcher Recycling-Weg für sie der richtige ist?
Michael Waupotitsch: Welcher Ansatz besser ist, kann man nicht allgemein sagen, das hängt von Ausgangsmaterial und Endzweck ab. Mechanische und chemische Verfahren sind als komplementär zu sehen, die sich gut ergänzen, um das gewünschte Endergebnis zu erzielen. Für Mischgewebe aus verschiedenen Faserkomponenten wird es aber chemisches Recycling brauchen, um diese auftrennen zu können. Mechanisches Recycling ist – wenn anwendbar – immer die erste Wahl, weil es weniger aufwendig ist, aber eine Auftrennung in einzelne Bestandteile ist eben nicht möglich. Wir bieten innovative Lösungen für beide Verfahren an. Dazu gehört eine komplette Prozesspalette an Reißanlagen für mechanisches Recycling, die für fast alle Arten von Textilabfällen geeignet sind. Aufgrund unserer Expertise in Verfahrenstechnik und Anlagenbau sind wir außerdem ein wichtiger Akteur beim chemischen Recycling, unter anderem weil wir für das Recycling dieselbe Maschinentechnik wie in der Zellstoffproduktion und im Recycling von Altpapier einsetzen können.
textile network: In Ihren diversen Pilot-Anlagen – wie z.B. dem ART Center in St. Michael, Österreich, – können Unternehmen Recycling-Versuche im industriellen Maßstab durchführen. Welche Rolle spielt diese Testmöglichkeit für Firmen, die eine Kreislaufwirtschaft etablieren wollen?
Michael Waupotitsch: Neben dem von Ihnen erwähnten ART Center (wo es um Zerkleinerungstechnik geht) haben wir auch Pilotanlagen für mechanisches Recycling und automatisiertes Sortieren in Frankreich sowie Testzentren für Fasertechnik in Österreich und den USA, wo wir gewisse Schritte des chemischen Recyclings abbilden können. Bei solchen Versuchen im größtmöglichen Maßstab geht es wie immer um bessere Planbarkeit für unsere Kunden und Partner.
textile network: Blick in die Zukunft: Wo steht die Textilrecycling-Industrie in fünf Jahren? Welche regulatorischen oder marktseitigen Entwicklungen braucht es, damit Textilrecycling vom Nischenthema zum Industriestandard wird?
Michael Waupotitsch: Die EU hat eine „Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien“ ausgerufen. Darin sind Vorschläge und Ideen aufgelistet, um die Recyclingquote zu erhöhen. Dazu gehört beispielsweise eine erweiterte Herstellerverantwortung. Die Umsetzung einer solchen wurde nun grundsätzlich verabschiedet, Mitgliedsstaaten haben aber noch bis April 2028 Zeit, um diese endgültig umzusetzen. Weitere Dinge wie verpflichtende Recycling-Einsatzquoten oder Exportverbote für Textilabfälle sind erst in einem Diskussionsstadium, aktuell erweist sich der unklare Zeitplan bei der Umsetzung dieser rechtlichen Rahmenbedingungen in der EU noch als Hemmschuh.




