11.08.20 – Exklusivumfrage von textile network (TNW) – Startups – Teil 4

Airpaq UG (Köln): Schuss vor den Bug war nur die eine Seite

Gesamttendenz: motiviert. Der Umsatzgenerator mit Produkten aus textilen Autoabfällen war gerade angelaufen, da kam Corona – dann folgten Ideen.

Airpaq.jpg

Co-Gründer Adrian Goosses: Corona hat uns kraftvoll bleiben lassen. © Airpaq

 
Airpaq.jpg

Faire Produktion in Timisuara/Rumänien: Airpaq auf dem Weg zur bekannten Marke. © Airpaq

 
Alle Bilder anzeigen

Die Wirtschaft ist schwer angeschlagen. Noch kaschieren Kurzarbeit und staatliche Unterstützung die wahren Auswirkungen. Was bedeutet das für Startups? Immerhin 30 Prozent der Startup-Gründer plagen laut einer Befragung von Bitkom in jüngster Zeit Existenzängste. In Summe setzt jedoch die Mehrheit (63 Prozent) darauf, gestärkt aus der Krise herauszukommen.

textile network (TNW) wollte wissen, ob dieses Meinungsbild auf textile Startups übertragbar ist, von denen bekanntermaßen nicht wenige auf Industrie-4.0-Fortschritte und digitalen Handel ausgerichtet sind. In unserer neuen Serie kommen rund ein Dutzend Gründer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu Wort.

Teil 4: Airpaq UG (Köln)

Noch vor zehn Jahren wäre das Startup Airpaq, das textile Autoabfälle wie Airbags und Sitzgurte in schicke Taschen, Rücksäcke und demnächst auch Kappen verwandelt, am Kundenzuspruch womöglich verzweifelt. Heute dagegen stehen bei einer wachsenden Käuferschar nachhaltige und recycelte Produkte ebenso hoch im Kurs wie faire Produktion und Mode.

Hat Corona in ihrem Falle diese Tendenz gekippt oder zumindest abschwächen können?

textile network (TNW) fragte den Mitgründer Adrian Goosses (30), der sein akademisches Rüstzeug in den Niederlanden erworben hat.

textile network: Hat Ihnen Corona Fahrt aus den Segeln genommen?

Adrian Goosses: Wir sind schon ganz schön ausgebremst worden, zumal wir unser Händlernetz gleich zum Jahresanfang auf Messen in München und Hamburg auf einen Schlag verdoppeln konnten. Auf den „wahnsinnigen Erfolg“, wie wir damals auch nach den zahlreichen Erstbestellungen resümierten, kam dann mit Corona schlagartig die Ernüchterung und der Schuss vor den Bug. Der Umsatz brach ein; es gab viel Unsicherheit. Gerade eröffnet, mussten wir unseren Showroom wieder schließen. Da wir über die Jahre agil und recht sparsam waren, konnten wir uns aus eigener Kraft über Wasser halten. Die bange Frage, wie die Händler reagieren würden, war schnell beantwortet: Sie hielten bis auf wenige Ausnahmen zu uns und sind „cool“ geblieben. Dafür und dass sich trotz der Pandemie die Verkaufszahlen inzwischen wieder fast erholt haben, sind wir echt dankbar.

  • Basis-Innovation: Früher an der Rotterdam School of Management Kommilitonen, jetzt Partner eines mit Innovations- und Nachhaltigkeitspreisen ausgezeichnete Startups: Adrian Goosses und Michael Widmann. Noch im Hörsaal reifte ihre Geschäftsidee, aus textilen Abfällen beispielsweise der Autoindustrie Nutzwertartikel herzustellen. Gestartet wurde mit einer Crowdfounding-Kampagne, produziert wird in Rumänien sozusagen in Reichweite zu Europas größtem Airbag-Hersteller, der den beiden Gründern Konfektionsreste als Basismaterial liefert.
  • www.airpaq.de
  • Gründungsjahr: 2017
  • Mitarbeiter: 3 vor Corona, jetzt 4 (davon zwei in Teilzeit)

textile network: Krise als Chance: Denken Sie an die Modifizierung Ihres Geschäftsmodells bzw. hat die Pandemie neue Türen geöffnet?

Adrian Goosses: Als wir wie viele andere Textiler auch auf Masken umgestellt hatten, waren die Händler die ersten, denen wir unsere neue Ware zum Einkaufspreis überlassen haben. Über diese Schiene sind neue Kunden auf uns und unsere Verschnitt-Produkte aus Airbag- Abfallmaterial und Gurt-Resten aufmerksam geworden. In dieser Zeit haben wir auch unsere Produktpalette diversifiziert: Demnächst wird es zu einem Preis um 100 Euro einen Rucksack Airpaq Basic geben, eine günstigere „abgespeckte“ Variante zum Standard-Rucksack für 159 Euro, mit der wir neue Käuferschichten erschließen wollen. Das Produkt ist ein Kind der Krise.

textile network: Welches Vorhaben steht für dieses Jahr noch auf Ihrem Aktionsplan?

Adrian Goosses: Käppis kommen dazu, die wir aus den Schnittresten der Rucksackfertigung herstellen. Gedacht als Geschenk aus der Kategorie nachhaltige und faire Textilien wollen wir uns mit unseren Erzeugnissen breiter aufstellen. Tendenziell wollen wir mit unserer Produktion aus der Nische und dazu beitragen, die Sensibilität für Nachhaltiges im Markt zu erhöhen. Vor diesem Hintergrund halten wir nach neuen Anwendungen wie auch nach neuen Materialien, die wir auch kombinieren könnten, Ausschau.